Or
tadeln kann, das griechische Epsilon wie 6, O—mikron wie ö etc. und umgekehrt zu sprechen. Er ist dann eben vom lateinischen Unterricht her gewöhnt, genau auf die Aussprache der Vokale zu achten.
Ein unschätzbarer Vorteil, welcher für die Unterrichtsstunde aus der akkuraten Aussprache des Lateinischen erwächst, ist eine erhöhte Aufmerksamkeit von seiten des Schülers. Er weiss ganz genau, dass er nicht nur eine Zusammensetzung von Buchstaben in einem lateinischen Worte vor sich hat, die er bei halbem Hinhõren aufschnappen kann, sondern dass er beide Ohren während des Unterrichts gebrauchen muss, um sich die richtige Aussprache anzueignen. Die Verschiedenheit der Aussprache lateinischer Silben von gleich aussehenden deutschen fällt deutlich ins Ohr und wird daher auch leicht behalten. Der Reiz des Neuen richtet Augen und Ohren mit besonderer Spannung auf den Lehrer. Das Lernen von Vokabeln wird ein viel sorgfältigeres und genaueres werden als bisher.
Schliesslich ist es unsere Pflicht, dass wir mit aller Macht dahin streben, die Pflege der Kunst, ohne das Gymnasium mit neuen Fächern zu bereichern, überall zu betonen, wo es nur möglich ist. Das Ohr muss in den Stand gesetzt werden, die sprachlichen Schön- heiten zu empfinden. Denn Schönheit im Rhythmus, dem bei weitem wesentlichsten Teile der redenden Künste(vergleiche H. v. Bülow's Wort: Im Anfang war der Rhythmus) ist nur durch das Ohr zu erkennen. Der Wert der lateinischen Lyriker be- ruht hauptsächlich in der sprachlichen und rhythmischen Schönheit; von dieser verstanden die auf alexandrinische Vorbilder zurückgehenden römischen Dichter wirklich etwas und täuschen durch Vorzüge in dieser Hinsicht über die Dürftigkeit oder geradezu Poesielosigkeit des Inhalts meisterlich hinweg. Es wird der Pflege der Kunst im Gymnasium eine Stätte im Sprachunterricht gegeben, in denjenigen Fächern, die für das Gymnasium das Wichtigste bedeuten. Die Sprachwissenschaft, deren glänzendste Resultate uns das vorige Jahrhundert gebracht hat, verlangt, dass ihre Ergebnisse auch im Unterricht verwertet werden. Jede Sprache steht als ein Kunstwerk vor unseren Augen und Ohren. Von einem guten Vortrag verlangt man in einer jeden Sprache vor allem Reinheit der Aussprache. Es ist bezeichnend, das gerade der Schöpfer der Altertumswissenschaft in modernem Sinne, Fr. A. Wolf, von dem man es eigentlich nicht erwarten sollte, dringend ermahnt, die reine Aussprache des Lateinischen zu pflegen. Das tote Wissen muss so in lebendiges Können umgesetzt werden. Um die Schönheit einer Sprache zu erkennen, ist vor allem erforderlich, dass man rein spreche. Wer da glaubt, von der sprachlichen Schönheit lateinischer Verse seinen Schülern auch nur einen Begriff zu geben, ohne von unten auf eine sorgfältige Aussprache gepflegt zu haben, irrt sich. Hat aber der Lehrer stets auf eine akkurate Aussprache des Lateinischen gehalten, auf diejenige, welche die Dichter von lateinischen Versen selbst hatten, so braucht der Schüler kaum auf Schönheiten in lateinischen Versen hingewiesen zu werden. Kraft des Gefühls für Schönheiten der Sprache, welches in ihm durch stete Betonung der richtigen Quantität der Silben und der richtigen Aussprache gewisser Konsonanten geweckt ist und in jeder Unterrichtsstunde wach gehalten und noch gefördert wird, versteht er die Schönheiten der Sprache im Verse von selbst. Der Wert dieser beständigen Kunstpflege, in welcher der Schüler von Sexta an erhalten wird, ist nicht gering anzuschlagen Sie wird einen günstigen Niederschlag ausüben auf die Aussprache des Griechischen und vor allem des Deutschen. Das Lesen wird aus dem gedankenlosen Plappern zur Kunst erhoben. An ihrer Pflege im Unterricht kann das Gymnasium bei sorgfältiger Pflege der Aussprache in hervorragendem Massstabe sich beteiligen. Der Schüler findet selbst seine Freude am Mit- schaffen des Kunstwerkes; darin, dass er selbsttätig darin mitwirkt, dass ein Satz aus der Prosa oder Poesie als Kunstwerk vor sein inneres Auge durch Vermittelung des Ohres tritt, beruht ein Wert der genauen Aussprache des Lateinischen, der gar nicht hoch genug anzu- schlagen ist. Eine solche Selbstbetätigung an der Pflege des Schönen wird auch auf anderen Gebieten tausendfältige Frucht treiben. Ueber den Vorteil, welchen eine genaue Aussprache des Lateinischen dem Verständnis lateinischer Poesie gewährt, siehe unten.(S. 10 u. 12.)


