Aufsatz 
Ueber die Notwendigkeit, unsere Schüler von vornherein zu einer korrekten Aussprache des Lateinischen anzuleiten / Amelung
Entstehung
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männer für sprachliche Erscheinungen, durch zahllose Inschriften, bekräftigt werden, verlangt gebieterisch, dass mit der alten Nachlässigkeit in der Aussprache des Lateinischen aufgeräumt wird. Es gilt das Wort des Begründers der Altertumswissenschaft zu beherzigen: Was lang und kurz ist, das wisse nicht nur, sondern sprich es auch sol Vgl. hierzu Büchelers Vorwort zu Marx, Hülfsbüchlein der lat. Aussprache etc,, p. IV. Wir müssen aus wissenschaftlichen Gründen verlangen, dass die Werke der Schriftsteller, soweit es möxglich ist, so gesprochen werden, wie diese selbst gesprochen haben.

Ein Verlangen, das man an jeden Lehrer fremder Sprachen einerlei, ob neuer oder alter stellen muss, ist, dass er auch das Ohr des Schülers für die Natur der betr. Sprache empfänglich mache. Wir dürfen dem Schüler keine fremde Sprache lehren, die wir deutsch aussprechen. Auf diese Weise werden wir nie über eine gewisse Halbheit, die unter allen Umständen verwerfiich ist, hinauskommen. Der Schüler muss schon in der ersten Latein- stunde das Bewusstsein haben, dass es sich hier um eine Sprache handelt, die auch in ihrer Aussprache vom Deutschen ganz verschieden ist. Da die Natur der lateinischen Sprache eine ganz andere ist als die der deutschen, insofern jene sich ihre Aussprache nach eigenen Gesetzen macht, die in der Länge und Kürze der Vokale und in Accentwirkungen zu suchen sind, so muss ein gewissenhafter Lehrer des Lateinischen unbedingt fordern, dass der Schüler schon beim Beginn des lateinischen Unterrichts ein Gefühl von dem grossen Unter- schied, der zwischen lateinischer und deutscher Aussprache besteht, bekomme. Das Latein muss dem Ohr des Schülers von vornherein verschieden vom Deutschen erklingen.

Jeder sprachliche Unterricht verlangt, dass der Lehrer auch das Gefühl für die Schön- heit der Sprache im Schüler möxglichst früh zu erwecken sucht. je früher, desto besser. Durch nichts wird dieses so früh im Schüler rege gemacht als durch eine akkurate Aus- sprache. Ein lateinischer Satz, welcher in der richtigen Aussprache gelesen wird, enthält Leben in sich. Das merkt der Schüler gar bald, das Lateinlesen in der richtigen Aussprache macht den Jungen Freude. Sie haben ein Vergnügen am Lernen einer Sprache, deren Aus- sprache von derjenigen ihrer Muttersprache gänzlich abweicht. Es erwacht bei ihnen das Schönheitsgefühl für die Natur der lateinischen Sprache, und sie merken bald, dass das Vor- lesen in einer fremden Sprache eine Kunst ist, die geübt sein will.

Unter den Vorteilen, welche die genaue Beobachtung einer korrekten Aussprache des Lateinischen gewährt, sei zunächst die Vermeidung häufiger Fehler hervorgehoben. Schreibungen wie conditio, amicicia, constancia, Cythae, Cama, forcior, prudencior, sensire statt sentire u. a. m. werden verschwinden.

Ferner wird dem Anfänger das Lernen wesentlich erleichtert, wenn er in einem Worte wie amicus das c stets wie k spricht, als wenn er erst lange nachdenken muss, vor welchen Vokalen nach der heutigeu Aussprache das c wie z(ts) gesprochen wird. Dasselbe ist bei der Bildung von Komparativen der Fall. Der Komparativ von fortis ist viel leichter aus dem Schüler herauszuholen, wenn er t wie t spricht, als wenn er t wie z(ts) spricht. Aehnlich ist es beim Verbum. Die zweite Person Sing. im Praesens von patior wird dem Schüler ungleich leichter, wenn er auch als erste Person pa-ti-or, als wenn er nur patsior hat sprechen hören. Näheres siehe weiter unten.(S. 6).

Durch die genaue Aussprache wird der Schüler in seiner Erkenntnis von der Zusammen- setzung der Wörter und von der Wortbildung gefördert werden. Es bedarf keines besonderen Nachdenkens mehr, dass er prudentia(gespr. tia) von prudentis, sapientia von sapientis etc. ableitet. Wozu soll man dem Schüler die Einsicht in die Bildung der Wörter so erschweren, wie es durch die fehlerhafte Aussprache wirklich geschieht? Mehreres, was hierher gehört, ist weiter unten erwähnt.

Ein anderer Vorteil, welcher aus der genauen Aussprache des Lateinischen gewonnen wird, zeigt sich später beim Beginn des Erlernens der griechischen Sprache. Ist der Schüler bereits in der Sexta daran gewöhnt, lange und kurze Vokale genau zu unterscheiden, so wird er kaum die Nachlässigkeit begehen, die man täglich in der Unter-Tertia des Gymnasiums