Ueber die Notwendigkeit, unsere Schüler von vornherein zu einer korrekten Aussprache des Lateinischen anzuleiten (=⁴= von Dr. R.Amelung.(——
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Bereits im Jahre 1876 schrieb Friedrich Ritschl an Hermann Perthes, welcher die genaue Bezeichnung der natürlichen Quantität der Vokale auch ich sogenannten positionslangen Silben in seinen damals soeben(1874) herausgegebenen lateinischen Schulbüchern durch- geführt hatte, es möge eine Generation leicht darüber hingehen, bevor der alte Schlendrian in der Aussprache des Lateinischen überwunden sei. Die Richtigkeit seiner Vermutung ahnte der grosse Plautusforscher und Kenner lateinischer Inschriften wohl kaum, da er immer- hin der Hoffnung auf eine Verbesserung der lateinischen Aussprache mit den Worten Ausdruck gibt, dass dem Vernünftigen der Sieg bleiben müsse.(Fr. Ritschl, Opuscula IV, S. 766 ff).
Bis heute ist, soviel mir bekannt, die alte Nachlässigkeit in der Aussprache des Lateinischen im allgemeinen dieselbe geblieben. So lange die Lehrer der klassischen Sprachen nicht eine Ehre darin suchen, den Schülern nichts anderes zu lehren als was vor der Wissen- schaft d. h. vor der Wahrheit bestehen kann, so lange wird auch wohl keine Aussicht auf eine gründliche Reform der Aussprache des Lateinischen auf unseren höheren Schulen vor- handen sein.»Was heisst das«, ruft Waldeck(Praktische Anleitung zum ÜUnterricht in der lateinischen Grammatik, Halle 1902) aus,»ein Unterricht soll wissenschaftlich sein? Soll da- mit nur gesagt sein, dass er nichts lehren soll, was nach dem jetzigen Stande der Wissen- schaft unrichtig ist, dann braucht man wohl kein Wort zu verlieren, denn das hat zu keiner Zeit irgend jemand bestritten.« Und doch wie sieht es damit in Wirklichkeit aus!
Es handelt sich in den folgenden Zeilen zunächst darum, darzulegen, dass eine genaue Aussprache des Lateinischen im Schulunterrichte notwendig ist, sodann soll eine kurze An- leitung für den Anfangsunterricht nach dieser Richtung hin gegeben werden. Zwei Forderungen môchte ich stellen:
1. c und t im Lateinischen immer wie k und t auszusprechen.
2. Die Länge und Kürze der Vokale, auch die natürliche Quantität der Vokale in sogenannten positionslangen Silben in der Aussprache stets genau zu unterscheiden.
Die Frage, ob in diesen Dingen die Resultate der wissenschaftlichen Forschung bereits so sicher sind, dass wir sie im Unterricht verwerten dürfen, ist unbedingt zu bejahen. Der Stand der wissenschaftlichen Forschung, deren Resultate durch die gewichtigsten Gewährs-
Bemerkung: Der von P. Meyer auf der 41. Jahresversammlung des Vereins schweizerischer Gym- nasiallehrer gehaltene Vortrag„die Aussprache des c und t im klassischen Latein und ihre Einführung in die heutige Schulpraxis, ein Reformvorschlag“ ist erst kurz vor Abschluss vorliegender Abhand- lung in meine Hände gekommen. Er findet sich im 32. Jahresheft des Vereins schweizerischer Gymnasial- lehrer, Aarau 1902. In diesem behandelt, Meyer nur einen ganz kurzen Abschnitt meiuer Abhandlung sehr ausführlich; dass wir zuweilen in den Gesichtspunkten übereinstimmen, liegt in der Natur der Sache, ist aber für die vorstehende Abhandlung unwesentlich.—


