Aufsatz 
Über Platons Beweise für die Unsterblichkeit der Seele / von A. Bölke
Entstehung
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sich mit Fug der Aufgabe unterziehen könne, den Begriff der Tugend zu suchen, wenn erstens die Seele unsterblich, wenn zweitens das Lernen nur dydmvαιςσ sei. Er hat dann zuvörderst gezeigt, dass die zweite Bedingung eine wahre Annahme enthalte und disputirt nun weiter, um auch die Wahrheit der ersten Annahme zu zeigen, also:

Jenes Wissen, aus dem die dnduv die eworlliesst, empfing der Mensch einmal oder hatte es immer. Hatte er es immer, nun, so ist ja die Seele immer wissend, also ewig. Empfing der Mensch es einmal, so entsteht die Frage, wann dies der Fall war? In dem jetzigen Leben hat er es nicht empfangen; oder lehrte je einer den Sklaven die Geometrie? oder, da er ja, wie die Geometrie, so Alles weiss, die übrigen Lehrgegenstände? Wenn er ihre Kenntniss nun aber nicht im jetzigen Leben empfing, so offenbar in einer andern Zeit. Nun aber bleibt ausser der Zeit des jetzigen Lebens nur noch für den Einzelnen die Zeit übrig, wo er noch nicht Mensch war. Also ehe er Mensch war, hatte er das Wissen oder Kenntnisse, die durch Fragen Wissen werden, hafte alse so schliesst Plato jenes Wissen als Mensch und als Nichtmensch; nun ist aber klar, dass, wenn jemand das Wissen alle Zeit als Mensch und als Nichtmensch hat, seine Seele unsterblich ist, p. 85 D. E. 86 A. B.

Sonach, damit schliesst Plato(Sokrates) diese Erörterung, kann man es getrost un- ternehmen, das, was man jetzt nicht weiss. d. h. wessen man sich nicht erinnert, zu suchen und dahin zu streben, sich desselben wieder zu erinnern; folglich dürfen er und Meno darauf aus sein, den Begriff der Tugend zu suchen.

Wir sehen, die Unsterblichkeitslehre wird hier nicht ex professo behandelt; sie ist nur Bestandtheil der Untersuchung, ob man Unbekanntes lernen könne. Darum bringt Plato hier nur den Beweis für die Unsterblichkeit vor, der in jene Untersuchung einschlägt. Es ist der Beweis aus der ανμννσςσ.

Die Lehre von der αeνα☚νυιςα selbst ist aber gleichfalls nur Bestandtheil der genann- ten Untersuchung; darum wird sie nur mit einem Grunde gestützt, der zu jener Unter- suchung in die engste Beziehung tritt. Es ist jener erste Grund im gleichen Phädonischen Beweise, die Thatsache des Lernens, und das bei Erörierung des Phädonischen Be- weises gegen diesen Grund Gesagte gehört also auch hieher.

Ausserdem bemerken wir noch, dass der Menonische Beweis auch formell sehr schwach angelegt ist; denn ist man genöthigt, ein Wissen anzunehmen, worauf alles Lernen zurück- geht, so kann es die Seele empfangen haben nicht blos aut in dem menschlichen Dasein aut in dem vormenschlichen, sondern eben bei ihrem Eintritt ins menschliche Dasein selbst, wie immer wir uns dieses Empfangen vorstellen wollen. Im letzteren Falle aber gewännen wir nichts für den Nachweis einer unsterblichen Seele. Im Phædo entging Plato diese Schwäche der Beweisführung nicht.

Dass in jedem Falle der Beweis nur eine Prä-, nicht auch die Postexistenz der Seele nachweise, haben wir bei Untersuchung des zweiten Phädonischen Beweises bereits ge- sehen. Dort hob Plato selbst diesen Mangel hervor, hier scheint er ihn zu übersehen, in- dem er fälschlich also schliesst: die Seele ist wissend die Zeit des menschlichen Daseins und die Zeit, da sie noch nicht ins menschliche Dasein getreten war, folglich alle Zeit und mithin unsterblich. Jenes menschliche Dasein aber und jene Zeit, da der Mensch noch nicht ins menschliche Dasein eingetreten war, bilden keineswegs alle Zeit; die Zeit, die

hinter dem menschlichen Dasein liegt, hat Plato nicht berücksichtigt.