Aufsatz 
Über Platons Beweise für die Unsterblichkeit der Seele / von A. Bölke
Entstehung
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Vorliegende Abhandlungüber Platons Beweise für die Unsterblichkeit der Seele schliesst sich auf's engste an unsere Promotionsschrift an. Da diese nur wenige besitzen so sind wir genöthigt, zum Verständniss des hier zu Erörternden die wichtigsten Sätze derselben zum Abdruck zu bringen. Dies möchten aus der Einleitung der Promotions-

schrift folgende sein:

I. Zum Begriff der Seele..

Wir können Platons Begriff von der Seele nicht gewinnen. ohne den weitern dep Weltseele in Betracht zu ziehen, denn beide, Einzel- und Weltseele, sind nach Plato gleichen Wesens. Die Welt ist ein beseeltes, mit Vernunft begabtes, lebendiges Wesen Sov Suuurov kyvouv. Tim. p. 30 B. Die Seele der Welt bildete Gott eher als den Kör-

er. Das Niedere wohnt dem Höheren ein, der Körper der Seele und die Seele der Ver- nunft. Die beiden wesentlichen Bestimmungen der, Weltseele sind: ihre Immateriellität und ihre Vernünftigkeit.

Was von der Weltseele gilt, gilt auch von der menschlichen Seele, denn diose ist aus gleichem Stoffe gebildet wie jene. Gott selbst schuf zuerst die Seelen, an Zahl den Gestirnen gleich. Die Götter schufen den sterblichen Körper hinzu. Die Seele ist unkör- perlich, unsichthar, der Sitz der Vernunft, des im Menschen göttlich zu Nennenden und Leitenden, den Ideen verwandt, der Idee des Lebens theilhaftig, das sich selbst Bewegende dem Körper Bewegung Verleihende. 5 2

Die Seele besteht aus drei Theilen: der Vernunft, dem göttlich zu nennenden und leitenden Theile,»oög, dem Muthe, Sνμs, und der Begierde, enιειυνa, oder aus dem 10ενν, εεαονινουν dem dιμιοτεες, ιυιμινeν und dem nιιεινιμτιανυν ooder, wie Cicero Tusc. I, 10, 20 sagt, aus ratio, ira, cupiditas. Jene drei Theile lassen sich auf zwei zu- rückführen, den vernünftigen und unvernünftigen, wo wir den unvernüuftigen Theil wie- der in eine edlere und unedlere Hälfte zu scheiden hätten.

II. Zum Begriff der Unsterblichkeit.

Hier kommt ein Doppeltes in Betracht:

1. Platons Unsterblichkeitsbegriff umfasst nicht bloss das nachmenschliche, sondern auch das vormenschliche Dasein der Seele, ihr progressives, wie regressives Bestehen, ihre Post- wie Präexistenz. 151

2. Die Frage, ob Plato, da er eine dreitheilige, resp. eine zweitheilige Seele an- nimmt, der gesammten Seele Unsterblichkeit beilegt oder nur dem einen Theile, lässt sich nicht sofort in dem einen oder andern Sinne enischeiden; es liegt eben nicht allen Be- weisen der Unsterblichkeit ein und derselbe Begriff der Seele zu Grunde.