Aufsatz 
Der principielle Gegensatz in den pädagogischen Anschauungen Kants und Herbarts : Beigabe des ordentlichen Lehrers / Otto Böhmel
Entstehung
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Das ethische Ideal der theoretischen Pädagogik.

Kauts Anschauungen über das Ziel der Erziehung ergeben sich aus seinen ethischen Schriften. Die von Rink herausgegebene Pädagogik kann nicht als eine Folgerung der kritischen Grundgedanken angesehen werden. Alle Naturanlagen eines Geschöpfes sind nach Kant bestimmt, sich vollständig und zweckmässig zu entwickeln*). Aus dieser Aufgabe ergiebt sich als Problem für die Menschengattung, zu dessen Auf- lösung die Natur ihn zwingt, die Erreichung einer allgemeinen das Recht verwaltenden bürgerlichen Gesellschaft. Eine bürgerliche Gesellschaft ist aber nach Kant eine solche, welche die grösste Freiheit hat, d. h. durchgängigen Antagonismus der Glieder und doch genaue Bestimmung und Sicherung der Grenzen dieser Freiheit. Aus dem Endziel der geschichtlichen Betrachtung lässt sich nach Kant das Endziel der theoretischen Pädagogik folgern. Das Ziel liegt, den Anschauungen Kants entsprechend nicht in den Zwecken des Individuums, sondern in der Vervollkommnung des Ganzen. Nicht in der Gattung können sich diejenigen Naturanlagen, die auf den Gebrauch seiner Vernunft abgezielt sind, am Menschen vollständig entwickeln. Sehen wir von der Schulsprache Kants ab, so ergiebt sich der Satz, dass fortschreitende Versittlichung und Bildung nur an einem grösseren Ganzen nachgewiesen werden kann. Derselbe Gedanke findet sich in der Anthropologie.

Man kann es für die Zwecke der Natur als Grundsatz annehmen, dass jedes Geschöpf seine Bestimmung erreiche dadurch, dass alle Anlagen seiner Natur sich zweckmässig für dasselbe entwickeln, damit, wenngleich nicht jedes Individuum, doch die Species die Absicht derselben erfülle. Bei vernunftlosen Tieren geschieht dies wirklich, und ist Weisheit der Natur, beim Menschen aber erreicht es nur die Gattung, wovon wir auf Erden nur eine, nämlich die Menschengattung kennen, und in dieser auch nur eine Tendenz der Natur zu diesem Zwecke, nämlich durch ihre eigene Thätigkeit die Entwickelung des Bösen aus dem Guten dereinst zu Stande zu bringen, ein Prospect, der wenn nicht Naturrevolutionen ihn auf einmal abschneiden, mit moralischer,(zur Pflicht der Hinwirkung zu jenem Zweck hinreichender) Gewissheit erwartet werden kann. Setzen wir statt Gattung den engeren Begriff Volk, worunter im Sinne Kants die in einem Landstrich vereinigte Menge Menschen verstanden wird, sofern sie ein Ganzes ausmacht, so würde sich der Grundsatz ergeben:Schöpfung einer ethischen Volks- gemeinschaft. Dem Begriffe des Volkes wird eine ethische Bedeutung beige-

*) Ideen zu einer allgemeinen Geschichte in weltb. Absicht. Satz 1. 1*