Aufsatz 
Die Entwicklung des lateinischen höheren Schulwesens in Frankfurt/M
Entstehung
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ist überliefert, daß bei der Fronleichnams-Procession im Jahre 1482 aus der Schule des Stiftes zu Unseren lieben Frauen 101, der zu St. Leonhard 81, und der zu St. Bartholo- mäus 136 Schüler gefolgt sind.

Jedoch das Zeitalter der Renaissance und das mehr und mehr erstarkende Bürger- tum stellten höhere Ansprüche an die Bildung, als jene Schulen geben konnten oder wollten. Trotz des Widerstandes der Geistlichkeit wandte man sich der Lektüre römischer und griechischer Klassiker zu. Im Jahre 1496 finden wir einenPoeten in Frankfurt, dem für seinen Unterricht vom Rat 2 Gulden monatlich bewilligt wurden. Weit wichtiger waren noch die reformatorischen Bewegungen, die in den angesehenen Patrizierfamilien bald Boden gewonnen hatten.

Veranlaßt durch einflußreiche Familien wandte sich der Rat an Erasmus, den be- rühmten Humanisten, mit der Bitte, ihm einen Lehrer für eine neu zu gründende Schule zu empfehlen. Dieser nannte seinen Lieblingsschüler Wilhelm Neesen. Unter seiner Leitung entstand im Jahre 1520 desRats Schule oderJunkerschule, aus der sich das protestantische städtische Gymnasium entwickelte. Seine Grandung wird in das Jahr 1529 verlegt, in dem die Schule provisorisch in dem säkularisierten Barfüßerkloster untergebracht wurde, wo sie von 15421839 definitiv blieb. Durch diese Anstalt war für das höhere protestantische Schulwesen gesorgt.

Aber auch die Anfänge des protestantischen Volksschulwesens fallen in diese Zeit. In der Mitte des 16. Jahrhunderts entstehen die protestantischen, sogenanntenDeutschen oderQuartierschulen, während dagegen die Ffequenz der katholischen Stiftsschulen so gering wurde, daß die Schulen zu St. Leonhard und Unserer lieben Frauen eingingen.

Die von der Stadt konzessionierten und beaufsichtigten Quartierschulen wurden von Schulhaltern geleitet, die eine eigene Zunft mit allen solchen Innungen eigenen Gebräuchen bildeten. Jeder Schulmeister durfte nur einen Gehilfen haben, sein Schulrecht war erblich und verkäuflich, konnte auch auf die Ehefrau übergehen. Alle diese Gerechtsame hinderte aber nicht, daß von den Schulhaltern wiederholt lebhaft über die von Schulstörern gehal- tenenWinkelschulen d. h. nicht staatlich konzessionierten Schulen geklagt wurde; denn Bezahlung vom Staate erhielten die Schulhalter nicht, ihre Einkünfte bestanden lediglich aus dem Schulgelde, so daß jede Konkurrenz eine Minderung derselben bedeutete. Trotz der Beschränkung auf einen Gehilfen war die Zahl der in einzelnen Quartierschulen unter- richteten Kinder eine unglaublich große. Es wird berichtet, daß in der Schule von J. G. Büchner in der Graubengasse in einem Raume von wenig mehr als 400 Quadratschuh (32 33 qm) bis zu 200 Kinder jeglichen Alters eingepfercht waren, und daß zu Anfang des vorigen Jahrhunderts die Schule von S. Fr. Gräff von nahezu 300 Kindern besucht wurde, die er mit einem Gehilfen in den verschiedenen Fächern unterrichtete. Der Lehrplan der Quartierschulen umfaßte ursprünglich nur Katechismus, Lesen und Schreiben, später kam auch das Rechnen hinzu. Unterricht im Französischen mußte besonders bezahlt werden. Daß die Leistungen dieser Schulen bei ihren zünftlerischen Einrichtungen höchst minder- wertig sein mußten, liegt auf der Hand. Die am Ende des 18. Jahrhunderts in Frankfurt angeregte Reorganisation desdeutschen Schulwesens scheiterte an den Kriegswirren der französischen Revolution, und erst 1803 trat eine Umgestaltung ein, als durch die Be- mühungen angesehener Mitglieder der protestantischen Gemeinde, vor allem des Seniors Dr. Hufnagel und des Schöffen Max v. Günderrode, die Musterschule gegründet wurde.