Aufsatz 
Die Chinesen auf den Philippinen. Eine historische Skizze
Entstehung
Einzelbild herunterladen

5

zu wollen, ist entschieden verfrüht. Es haben auch nur Werke neueren Datums dies behauptet oder richtiger gesagt, sie sprachen schon von einem Parian Manila's unter der Regierung des Legazpi und Labezares, indem sie ohne nähere Untersuchung der Sache es für ganz selbstverständlich hielten, dass schon in den ersten Tagen der spanischen Herschaft in Manila auch ein Chinesen- viertel existirt haben müsste. Dass dies aber nicht der Fall war, beweisst am besten der Umstand, dass alle Quellen, die mir bisher zu Gebote standen, von einem Chinesen-Parian Manilas zur Zeit des Ueberfalls durch Limahon, von dem wir gleich näheres berichten werden, nichts erwähnen. Dies wäre offenbar auffallend, wenn man erwägt, wie detaillirt die Angaben der spanischen Mönchs- Geschichtsschreiber über diesen Ueberfall sind und wenn sie auch in manchen geringfügigen Angaben einander widersprechen, das eine ist allen gemeinsam; von der Existenz eines Parians erwähnen sie nichts.

So schienen nun die Beziehungen zwischen Spaniern und Chinesen sich auf das freundschaftlichste zu gestalten, um so mehr als der Nachfolger des Legazpi, Guido Labezares dieselbe Politik, wie sein Vorgänger befolgte. Da sollte plötzlich Manila von China her einen Angriff aushalten, der um so furcht- barer war als man ohne Ahnung des drohenden Unheils sich befand.

Chinas Meere sind seit undenklichen Zeiten der Tummelplatz verwegener Piraten gewesen, aber keiner von diesen Kogseng ausgenommen erfreute sich solchen Ruhmes und solchen Glückes wie Limahon.²) Diesen war als Kind vornehmer Eltern aus Hang zu Abenteuern unter die Seeräuber gegangen. Seine wilde Tapferkeit lenkte die Augen seines Chefs auf ihn, so dass Limahon nach dem Tode desselben seine Flotte und sein grosses Vermögen erbte. Jetzt erst konnte er seineTalente in vollstem Masse entwickeln. Er plünderte alle Gestade Chinas mit fabelhaftem Glück. Seine Flotte wuchs auf 40 Schiffe, deren leichte Bauart und Segeltüchtigkeit es ihm ermöglichte allen Nachstellungen glücklich zu entkommen. Umsonst wurden ganze kaiserliche Armadas gegen ihn aufgeboten, er entschlüpfte ihnen unter den Händen oder besiegte sie. Selbst als die chinesische Regierung einen anderen berühmten Piratenchef Onkiang in ihre Dienste nahm, erreichte sie nichts, denn Onkiang wurde trotz seiner 90 Schiffe von Limahon entscheidend geschlagen. Dadurch wuchs der Ruhm Limahons immermehr und bald gebot er über die stattliche Zahl von 200 Fahrzeugen und wurde der Schrecken der chinesischen Meere. Aber seine Vermessenheit stieg auf eine solche Höhe, dass die chinesische Regierung sich entschloss, unter jeder Bedingung den Piraten unschädlich zu machen. Drei gewaltige Kriegsflotten, zahlreich wie sie China noch nie gesehen, wurden in den kaiserlichen Häfen ausgerüstet, um Limahons Macht vollständig zu ver-

²) Ausser den obenerwähnten Werken benützte ich hier: Martinez de Zuniga. Historia de Philipinas. Sampaloc 1805, Renouard de St. Croir. Reise nach Ostindien, den Philippi- nischen Inseln ete. Aus dem Franaösischen von Weylandt. Berlin 1811. M. GC. Sprengel. Geschichte und Beschreibung der Philippinischen Inseln.(In Forsters und Sprengels Beiträgen zur Länder- und Völkerkunde.) Leipzig 1782. E. A. W v. Zimmermann. Taschenbuch der Reisen. 18. Bd. Joh. Semler. Die Entdeckungen, Erroberungen und Einrichtungen der Spanier in Ostindien. Halle 1763. Fr. Juan de la Concepeion. Historia general de Philipinas. Manila 1788. Barrantes. Las Guerras pirâticas de las islas Filipinas. Madrid 1878. F. Jagor. Reisen in den Philippinen. Berlin 1873. Insbesondere das letztere Werk ist eine wahre Fundgrube unerschöpflicher Schätze nicht nur für den Geo- graphen und Naturhistoriker sondern auch für jeden, der sich mit der Geschichte dieser spanischen Colonie eingehender beschäftigen will. Die klare, gründliche, auf Quellen fussende Darstellung einzelner Partien der philippinischen Geschichte steht in ihrer Kürze und doch reichen Fülle unübertroffen da. Die wahrhaft classische Abhandlung über den Galeonenhandel hat in der ganzen so reichen Literatur über die Philippinen kein einziges ebenbürtiges Seitenstück aufzuweisen.