Aufsatz 
Kaiser Otto der Große. Vortrag beim Schlußakt 1879 / Maximilian Josef Hoefner
Entstehung
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Es würde zu weit führen, wollte ich dieſe Kämpfe zwiſchen der königlichen und Herzogsgewalt in ihren Einzelheiten erzählen; nur auf die Bedeutung dieſer Kämpfe möchte ich mit ein paar Worten hinweiſen: die herzogliche Gewalt hat in dieſen Kämpfen eine ſtarke Einbuße erlitten, ſowohl was ihren Umfang, als was ihre Stellung betrifft: was ihren Umfang betrifft, ſo übten nunmehr die Pfalzgrafen als Vertreter des Königs auf den Ländereien, welche zur Zeit der Karolinger königliche Güter geweſen, aber von den Herzögen widerrechtlich eingezogen worden waren, die Rechte des Königs, anderſeits wurden die Bisthümer in den einzelnen Ländern mit reichen Beſitzungen und den darauf ruhenden königlichen Rechten ausgeſtattet: dadurch wurde den Herzögen die Jurisdiction und die Führung über einen anſehnlichen Theil ihres Gebietes entzogen und der Zuſammenhang der Stammesherzogthümer durchbrochen. Was die Stellung der Herzöge betrifft, ſo ging die herzogliche Gewalt nicht mehr durch Erb⸗ und Wahlrecht aus dem Stamme ſelbſt hervor, ſondern ſie wurde von dem Könige nach freiem Ermeſſen verliehen.

Die königliche Gewalt aber war ſiegreich aus dieſen Kämpfen hervorgegangen: nicht allein die großen Vaſallen des Reiches hatte ſie niedergeworfen, ſie hatte auch die Einheit der deutſchen Länder begründet. So feſt war dieſelbe begründet, daß ſie jedem Angriffe, ſei es von innen, ſei es von außen, begegnen konnte. Gar bald empfanden es die Nachbarvölker, daß die deutſchen Stämme nicht mehr jeder ſein Sonder⸗Daſein führte, daß ſie geeinigt waren unter dem Scepter eines kraftvollen Königs. Im Jahre 955 waren wieder einmal die Ungarn mit ihren zahlloſen Reiter⸗ ſchaaren in die Oſtmarken des Reiches eingebrochen, hatten Baiern überfluthet und waren bis zum Lech vorgedrungen. Hier trat ihnen Otto mit dem Heerbanne der geeinigten deutſchen Stämme ent⸗ gegen und in heißem Streite, in welchem Sachſen, Franken, Baiern und Schwaben um den Preis der Tapferkeit rangen, wurden die Reitermaſſen der Ungarn auseinandergeſprengt, vernichtet. Sie ſind ſeitdem nicht mehr nach Deutſchland gekommen. Wie in den Zeiten der römiſchen Republik die römiſchen Feldherrn, welche über den Feind einen entſcheidenden Sieg erfochten hatten, von ihren Legionen alsImperator begrüßt wurden; wie dann ſpäter die römiſchen Kaiſer, ſo oft ihre Legionen einen Sieg davongetragen hatten, immer von neuem den Imperatortitel annahmen: ſo wurde Otto auf dem Schlachtfelde von dem ſiegreichen Heere als Imperator begrüßt. Damit war er zugleich als Nachfolger der römiſchen Imperatoren bezeichnet. In der That: wer wäre würdiger geweſen, die abendländiſche Kaiſerkrone zu tragen, als Otto? Nicht allein Deutſchland, die ganze abendländiſche Chriſtenheit hat er mit dieſem Siege von den verheerenden Zügen der Ungarn befreit und die chriſtliche Cultur vor der Zerſtörungswuth dieſes wilden Volkes gerettet..

Auch ſonſt wurde Otto nach der abendländiſchen Kaiſerkrone als Ziel ſeines Strebens hinge⸗ wieſen durch die Stellung, welche er ſich und dem deutſchen Volke ſchon vor ſeinem Siege auf dem Lechfeld in Enropa erworben hatte. Der Dänenkönig hatte ihm als Vaſall des deutſchen Reiches den Lehenseid ſchwören müſſen, den Böhmenherzog, der die Lehnspflicht weigerte, hatte er zur Unter⸗ werfung gebracht, der König von Burgund konnte ſich nur durch Otto's Schutz ſeinen widerſpenſtigen Vaſallen gegenüber behaupten, die Thronſtreitigkeiten im weſtfränkiſchen Reiche waren durch Otto's Machtwort entſchieden worden, im Jahre 951 hatte Otto mit der Hand der Königin Adelheid die lombardiſche Krone erhalten. So gebot Otto überall die Länder, welche ehemals in der Monarchie Karls des Großen vereinigt geweſen, wenn auch nicht über alle unmittelbar, ſo doch mittelbar, und es war nur der natürliche Abſchluß deſſen, was Otto vollbracht, wenn er im Jahre 962 mit der römi⸗ ſchen Kaiſerkrone gekrönt wurde.

Die von Otto dem Großen unter den ſchwierigſten Verhältniſſen vollzogene Einigung der deutſchen Stämme hat ihm ſeine Erfolge gegen die Nachbarreiche ermöglicht, ihn zur Kaiſerkrönung nach Rom