Aufsatz 
Kaiser Otto der Große. Vortrag beim Schlußakt 1879 / Maximilian Josef Hoefner
Entstehung
Einzelbild herunterladen

29

ſchen Horden ſicher geſtellt hat. Den Baiern und Schwaben blieb es überlaſſen, ſich ſelbſt gegen dieſe furchtbaren Feinde zu ſchützen. Das indeſſen hatte Heinrich I. doch ſchon erreicht:

Die Wahl ſeines Sohnes Otto erfolgte in gleicher Weiſe, wie einſt ſeine eigene Wahl, durch die Franken und Sachſen; doch war das Gefühl der Zuſammengehörigkeit bei den deutſchen Stämmen ſo ſehr geweckt worden, daß aus allen deutſchen Gauen die Großen des Reiches, und vor Allen die Herzöge ſämmtlicher deutſchen Stämme zu Achen in der Pfalz Karls des Großen zuſammenkamen, Otto auf den Thron erhoben und ihm als ihrem Könige den Eid der Treue leiſteten. Und zum Zeichen, daß die Herzöge der einzelnen Länder Otto als ihren König anerkannten, daß alle deutſchen Stämme wieder unter Einem Haupte geeinigt waren, leiſteten die Herzöge dem Könige bei dem Krönungsmahle die Dienſte, welche an dem Hofhalte der deutſchen Fürſten von Alters her die mäch⸗ tigſten und angeſehenſten Dienſtleute zu leiſten pflegten: der Herzog von Lothringen verſah die Dienſte des Kämmerers, der Herzog von Franken ſorgte als Truchſeß für die Tafel, der Herzog von Schwa⸗ ben als oberſter Mundſchenk für den Trunk, der Herzog von Baiern als Marſchall für die Unter⸗ kunft des Rittergefolges. Der Tag, an welchem ſich ſämmtliche deutſchen Stämme zur Krönung Ottos I. geeinigt haben es war der 8. Auguſt 936 könnte als ſchönſter Gedenktag der deut⸗ ſchen Geſchichte verzeichnet werden, als Tag der Gründung des deutſchen Reiches könnte er gefeiert werden, wäre nicht faſt unmittelbar darauf Alles, was er verhieß, in Frage geſtellt worden. Es konnte auch kaum anders ſein: Als Nachfolger Karls des Großen war Otto auf den Thron erhoben worden, Otto ſelbſt ſchwebte immer Karl der Große als Vorbild vor: deßhalb konnte er nicht ge⸗ willt ſein, von den königlichen Rechten, wie ſie einſt Karl der Große geübt, auch nur das Geringſte preiszugeben. Davon freilich konnte keine Rede mehr ſein, die herzogliche Gewalt, wie das von Karl dem Großen geſchehen war, zu beſeitigen; aber es ſollte das Herzogthum fortan nicht mehr, wie unter Konrad IJ. und Heinrich I., eine ſelbſtändige Stellung neben dem Königthum, ſondern eine untergeordnete Stellung unter dem Königthum einnehmen. Hierbei aber mußte Otto bei den Herzögen der deutſchen Stämme auf den entſchiedenſten Widerſtand ſtoßen. Nicht lange nach dem Tage, welcher die deutſchen Stämme für immer zu einigen verheißen hatte, empörten ſich zwei von den Herzögen, welche dem Könige bei dem Krönungsmahle gedient hatten, der eine, weil er ſich durch den Richterſpruch des Königs verletzt fühlte, der andere, weil er ſelbſt eine Königskrone zu tragen begehrte, und der Sohn eines dritten weigerte ſich nach dem Tode ſeines Vaters in über⸗ müthigem Trotze, dem Könige die Huldigung zu leiſten. Es waren heiße Kämpfe, welche Otto als Verfechter der königlichen Gewalt mit den Trägern der herzoglichen Gewalt zu beſtehen hatte, um ſo heißer, als es den rebelliſchen Herzögen gelang, den Samen der Zwietracht in die königliche Familie zu werfen und Glieder derſelben auf ihre Seite zu ziehen. Der König gerieth in arge Noth: zuweilen hat es geſchienen, als müſſe das Königthum unterliegen; aber Otto's Ausdauer und eine wunderbare Fügung des Himmels führte den König immer wieder zum Siege: Eberhard von Franken und Giſelbert von Lothringen fanden ihren Tod im Rhein, und Arnulfs Sohn, Eberhard von Baiern, mußte flüchtig gehen und iſt ſpurlos verſchwunden.

Um die Macht der Herzogthümer der Krone dienſtbar zu machen, hat Otto, ſo oft ſich hierzu Gelegenheit bot, die herzogliche Gewalt an Glieder oder Verwandte ſeines Hauſes verliehen: Loth⸗ ringen hat er nach dem Untergang Giſelberts ſeinem künftigen Schwiegerſohn Konrad übertragen, Baiern ſeinem Bruder Heinrich, Schwaben ſeinem Sohne Liudolf. Indeſſen der fürſtliche Ehrgeiz, verbunden mit dem Sondertrieb der Stämme, zeigte ſich ſtärker, als die Bande der Verwandtſchaft: mit ſeinem Bruder, ſeinem Sohne, ſeinem Schwiegerſohn iſt er in den heftigſten Kampf gerathen. Doch hat auch hier wieder das Königthum über die herzogliche Gewalt den Sieg davon getragen.