Aufsatz 
Kaiser Otto der Große. Vortrag beim Schlußakt 1879 / Maximilian Josef Hoefner
Entstehung
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welchen die deutſchen Einheitsbeſtrebungen als anf ihren Ausgangspunkt zurückgeführt werden müſſen, auf den Mann, der zuerſt die deutſchen Stämme zuſammengefügt hat, auf den Gründer des deutſchen Reiches, auf Otto I. den Großen.

Vergegenwärtigen wir uns die Zuſtände Deutſchlands vor Otto's I. Thronbeſteigung! Die germaniſchen Stämme der Sachſen, Franken, Baiern und Alamannen, welche in dem Vertrage zu Verdun als oſtfränkiſches Reich an Ludwig den Deutſchen fielen, waren nur durch das Schwert an⸗ einander gefügt worden. Einen wie langen und blutigen Kampf hat nicht der gewaltigſte der Karo⸗ linger beſtehen müſſen, um nur den Einen germaniſchen Stamm der Sachſen mit den übrigen Ele⸗ menten ſeines Reiches zu verbinden!

Vorher hatte jeder dieſer Stämme ſein beſonderes Daſein geführt, jeder ſein angeſtammtes Herrſchergeſchlecht beſeſſen, in dem ſich die politiſche Einheit und Selbſtändigkeit des Stammes ſtellte. So hatte es vor Karl dem Großen einen Herzog von Sachſen gegeben, einen Herzog der Baiern, einen Herzog der Alamannen. Mit der Einfügung dieſer Stämme in den Verband des fränkiſchen Reiches waren dieſe Sondergewalten beſeitigt worden; aber das war vorauszuſehen: nur ſo lange eine ſo kraftvolle Hand, wie die Karls des Großen, Ludwigs des Deutſchen, Arnulfs von Kärnthen die Geſchicke des karolingiſchen und des oſtfränkiſchen Reiches lenkte, nur ſo lange konnte die mit Gewalt vollzogene Vereinigung der Sachſen, Franken, Baiern und Alamannen Beſtand haben. Als nach dem Tode Arnulfs von Kärnthen ein unmündiges Kind auf den Thron des oſtfränkiſchen Reiches erhoben worden war, da erhoben ſich ſofort wieder bei dieſen Stämmen die von Karl dem Großen beſeitigten Sondergewalten: nunmehr gibt es wieder einen Herzog der Sachſen, einen Herzog der Franken, einen Herzog der Baiern, einen Herzog der Alamannen. Das Beiſpiel wirkte zurück auf ein Land, das, ſeit dem Jahre 879 mit dem oſtfränkiſchen verbunden, eine beſtimmte Nationalität gar nicht umfaßte: auch in Lothringen hat ſich eines der vornehmſten Geſchlechter zur herzoglichen Gewalt erhoben. In ſcharfer Abſonderung, faſt wie geſchloſſene Einzelſtaaten, ſtanden dieſe Volks⸗ ſtämme unter ihren Herzögen einander gegenüber, jeder nur darauf bedacht, ſeine Sonderintereſſen zu verfechten, nnbekümmert um die Geſchicke des Nachbarvolkes. Und das gerade zu einer Zeit, da die zahlloſen Reiterſchwärme der Ungarn die deutſchen Gauen mit ihren furchtbar verheerenden Raub⸗ zügen heimgeſucht haben: vergebens hat der Heerbann der Baiern und Alamannen den Anſturm ihrer Reiterſchaaren aufzuhalten verſucht: vereinzelt, wie ſie waren, außer Zuſammenhang mit den Nachbar⸗ ſtämmen, ſind vor ihnen die Baiern ſowohl wie die Schwaben wiederholt auf der Wahlſtatt erlegen.

Man hätte wohl erwarten ſollen: die namenloſen Leiden, von denen unſer Vaterland damals heimgeſucht wurde, hätten die deutſchen Stämme enger an einander ſchließen, zu gemeinſamem Schutz gegen den gemeinſamen Feind unter dem Scepter Eines Herrſchers vereinigen ſollen. Wie weit in⸗ deſſen war man davon entfernt? Am meiſten noch regte ſich das Bedürfniß nach politiſcher Einigung bei den Stämmen der Franken und Sachſen, und auch hier wieder bei den Grafen und Biſchöfen, bei denjenigen Großen, die von der herzoglichen Gewalt am ſchwerſten betroffen wurden. Der Nach⸗ folger Ludwigs des Kindes, Konrad I., iſt nur durch die Wahl der Franken und Sachſen auf den Thron erhoben worden, und zur Wahl Heinrichs I. waren wieder nur dieſe beiden Stämme zuſam⸗ mengetreten. In fruchtloſem Kampfe gegen die Herzöge der übrigen Stämme hat Konrad I. ſeine Kraft verzehrt, und Heinrich I. hat ſeinem Königthum bei den Herzögen der Baiern und Schwaben nur dadurch Anerkennung verſchaffen können, daß er dieſen in ihren Landen diejenigen Rechte über⸗ ließ, deren Ausübung ſonſt nur dem Könige zuſtand. So loſe war die Verbindung der deutſchen Stämme, daß der Wafefenſtillſtand, den Heinrich I. mit den Ungarn abſchloß, daß der Sieg, den er im Jahre 933 über dieſe erfocht, nur die Nordmarken des Reiches vor den Einfällen dieſer barbari⸗