31 geführt: nicht minder aber haben ſeine ruhmvollen Thaten, namentlich gegen die Ungarn und in Italien dazu beigetragen, das Nationalgefühl zu heben und zu ſtärken, die deutſchen Stämme mit einander eng zu verbinden.
Wie große, gemeinſam ausgeführte Thaten das Nationalgefühl zu heben vermögen, das haben wir ſelbſt geſehen: wer an ſolchen großen gemeinſamen Thaten Theil genommen oder dieſelben als Zeitgenoſſe erlebt, der fühlt ſich in der Erinnerung an dieſelben nicht als Franke, Sachſe, Baier oder Schwabe, ſondern als Deutſcher. Der Name„Deutſch“ iſt denn auch als Ausfluß des National⸗ gefühls aufgekommen zur Zeit Otto's des Großen und bezeichnet den Volksangehörigen im Gegenſatz zu den Angehörigen des Stammes.
Wir feiern in Otto dem Großen— dieſen Beinamen haben ihm ſchon ſeine Zeitgenoſſen ge⸗ geben— den Gründer des deutſchen Reiches, wir feiern in Otto dem Großen denjenigen, der die römiſche Kaiſerkrone mit der deutſchen Krone verbunden und Deutſchland auf Jahrhunderte hinaus eine hervorragende Stellung in Europa erworben hat.
. Was Otto für die Einigung der deutſchen Stämme gethan, iſt von bleibenden Folgen geweſen: wie wäre auch ſonſt die nationale Erhebung des Jahres 1813 möglich geweſen? Das Kaiſerreich, das er gegründet, iſt untergegangen. An ſeiner Stelle iſt in unſeren Tagen ein neues Kaiſerreich erſtanden, welches eine längere Dauer verheißt, als das Kaiſerreich Otto's des Großen. Denn ſind auch das alte und das neue deutſche Kaiſerreich unter ſehr ähnlichen Umſtänden entſtanden: hier wie dort hat ein innerer Krieg zwiſchen den Volksgenoſſen zur Einigung der deutſchen Stämme geführt; hier wie dort haben entſcheidende Siege über die Reichsfeinde das Nationalitätsgefühl gehoben und geſtärkt; der Gründer des mittelalterlichen und der Gründer des neuen deutſchen Reiches ſind auf dem Schlachtfelde von dem Volke in Waffen, das ſie zum Siege geführt, als Imperatoren begrüßt worden! Und doch! wie grundverſchieden ſind in ihrem Weſen das Reich Otto's I. und das Reich Wilhelm's I.? Das Reich Otto's des Großen beruhte auf einer unnatürlichen Verbindung germaniſcher und romaniſcher Elemente: in dem Reiche Otto's I. waren germaniſches auf nationale Grundlagen ſich beſchränkendes Königthum und die in dem Kaiſerthum des Mittelalters liegenden romaniſchen Tendenzen der Weltherrſchaft auf das innigſte mit einander verknüpft, und inſofern hat es den Keim ſeiner Auflöſung von allem Anbeginn an in ſich getragen. Das neue deutſche Kaiſerreich hat mit den romaniſchen Tendenzen der Weltherrſchaft nichts gemein; es hat ſich von allem Anfang an davon losgeſagt; ſeine Grundlage iſt eine rein nationale, und hierin liegt die Bürgſchaft für ſeine Dauer und ſeinen Beſtand.
Seitdem ſich die Völker Europa's zu beſtimmten Völkerindividuen ausgeprägt haben, kann über⸗ haupt kein Volk ungeſtraft die nationalen Gränzen verlaſſen und die Herrſchaft über die Welt an⸗ ſtreben: Napoleon’s I. Verſuch an Stelle des von Otto dem Großen gegründeten römiſchen Reiches deutſcher Nation ein römiſches Reich franzöſiſcher Nation aufzurichten, iſt auf dem Schlachtfelde bei Leipzig geſcheitert, und als ſein Neffe den Verſuch, Europa dem Machtgebote des franzöſiſchen Im⸗ perators zu unterwerfen, erneuerte, da wurde ihm Halt geboten von demſelben Volke, das vor mehr denn 18 Jahrhunderten auch der römiſchen Weltherrſchaft ein Ziel geſetzt hatte.
Nur in Einer Beziehung darf eine Nation ihre Gränzen überſchreiten und ſoll ſie überſchreiten, in Einer Beziehung darf und ſoll eine Nation mit den übrigen Nationen um den Vorrang in edlem Wetteifer ringen: ich meine in Wirthſchaft, Wiſſenſchaft und Kunſt. Und in dieſer Beziehung iſt es, daß ich dem Vaterlande zurufe:
„Das Vaterland wachſe, blühe, gedeihe!“
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