Aufsatz 
Das doppelte Motiv im Freiermord oder der ursprüngliche Schluss der Odyssee / von Adam
Entstehung
Einzelbild herunterladen

16

denn thatsächlich setzt sie ihre ganze Hoffnung auf das Misslingen des Bogenschusses. Obschon Odysseus es abgelehnt hat, über seine Herkunft zu berichten ¹), so wiederholt dennoch Penelope ihre Frage in ziemlich derber Weise ²). Die Erzählung des Helden weicht von derjenigen bei Eumäus ab, weil er sich hier als Bruder des Idomeneus ³), dort als Sohn einer Sclavin und des Hylakiden Kastor bezeichnet 4); auch müsste nach XVII, 522 ff. Penelope bereits seine Abstammung wissen. Aber weder mit diesem Einschube, noch mit dem Verfasser der Telemachie hat unsere Stelle etwas gemein. Penelope stellt die Wahrheitsliebe des Bettlers auf die Probe), und dieser, der durch die That ihr beweist, dass er Glauben verdient), eröffnet ihr, die ihre Ansicht dahin ausspricht, dass Odysseus wohl nie wiederkommen werde?*), dass dieser sich im Lande der Thesproter befunden, dort Schätze gesammelt und sich nach Dodona begeben habe, um über die Art und Weise seiner Rückkehr sich Raths zu erholen; er spricht endlich die Ueberzeugung aus und bekräftigt seine Aussage mit einem Eidschwur, dass Odysseus noch im selbigen Jahre, ja im Laufe desselben Monats heim- kehren werde ³). Alle diese Erwägungen, wie, dass Odysseus habsüchtig ist, dass er nicht weiss, ob er offen oder heimlich in die Heimath zurückkehren soll, dass Penelope den Tod ihres Mannes als ganz gewiss nicht bezeichnet, erinnern zu sehr an die Winke Agamemnons und Athenes, als dass wir länger daran zweifeln dürften, Ausflüsse des zweiten Motives vor uns zu haben. Entschieden unrichtig in der gleichwohl fingirten Erzählung ist es, wenn Odysseus in Folge des Rinderfrevels seiner Gefährten ins Land der Phäaken gelangt und von da zu den Thesprotern gegangen sein soll), weil dieses völlig der Darstellung des 5. und 12. Buches widerstreitet, nach welcher er in jenem Sturme auf die Insel der Kalypso kommt ¹¹⁰). Diese ganz im Geiste des listigen, verschlagenen Helden gehaltene Erzählung, wie er sich Athene gegenüber gezeigt hatte), ist bereits durch jene Begegnung motivirt, und es darf uns daher nicht Wunder nehmen, wenn der Einfüger des jüngsten Stückes des ganzen Gedichtes, derjenige der Telemachie, XIV, 331335 und 323 330 aus 288 299 und XIV, 158 162, an welcher Stelle 162 164 die Alexandriner verwarfen ¹²), aus 303 307 entnommen hat.

Trotz dieser Nachricht zweifelt Penelope an der Wiederkunft des Gatten und fordert die Mägde auf, den Fremden zu baden und ihm ein Bett zu bereiten, den Freiern aber droht sie, wenn sie den Bettler nicht ungekränkt liessen 1). Odysseus lehnt jegliche Pflege ab und will nur von einer alten Dienerin sich baden lassen, weil die übrigen ihm zu frech sind und ihn verspotten ¹4). Es sind demnach auch 157 356 ein Ausfluss des zweiten Motives und gehören dem Verfasser der Erkennungsscene an; auf 156 folgte 357. Da auf diesem Einschube 361 385, in welchem nochmals die Aehnlichkeit des Bettlers mit Odysseus betont wird, beruhen, so sind auch diese spätere Zuthat. Alter und die grossen Strapazen hatten Odysseus Aus- sehen geändert; er ist ein Greis geworden, dem aber die früheren Gesichtszüge geblieben sind. Die Natür- lichkeit dieser Auffassung ¹⁵) widerspricht der Verwandlung durch Athene und somit auch der Darstellung in VI, 239 ff., wo sich Nausikaa einen so hübschen jungen Mann wie Odysseus zum Gemahle wünscht. Dass 395 466 fehlten, dafür genügt es das Zeugnis des Aristoteles angeführt zu haben ¹⁶); echt sind nur 386394.

Die Erkennungsscene zwischen dem Helden und seiner Amme ist ebenfalls durch Attribute des zweiten Motives verunstaltet. Wenn Euryklea behauptet, sie habe ihren Herrn ganz betastet 1⁷), so ist dieses ebenso unwahr, als es unnôthig ist, dass Athene Penelopen den Sinn wandte, weil Odysseus sich weg- gesetzt hatte ¹8). Um aber jeden Zweifel an der Unechtheit der Stelle zu heben, droht er, Euryklea mit den übrigen untreuen Mägden zu tödten, wenn sie nicht schweige, worauf diese ihm die nichtsnutzigen

¹) 106 ff. ²) 162 f. ³) 181 f.*) XIV, 202 fl. ³) 215 ff.) 220 ff.) 257 ff., 312 fl. ³) 269 307. ²) 273 fr. ¹⁰) V, 130 ff., vergl. XII, 397 ff. u. VII, 244 ff. ¹¹) XIII, 250 ff. ¹²) Schol. XIV, 162. ¹3) 312 ff. ¹¹) 335 ff., bes. 344 f., vergl. 370 fl. ¹³⁸) Kirchhoff, Composit. d. Odyssee, S. 135 162. ¹⁴) Aristot. Poetik VIII.

²2) 475. ¹⁸) 478 ff.