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der späteren Entwickelung vereinigt hat. Nach dem, was wir früher ¹) über ihre Wirksamkeit in der Telemachie nachgewiesen haben, wäre es leicht, die ganze Scene zu verwerfen, um Kirchhoffs Vermuthung, dass die von der Göttin vollzogene Verwandlung des Helden in einen Bettler,„eine sehr späte, reflektirte Vorstellung von den Ursachen der Verfassung, in der der Held handelnd auftritt“, sei, welcher„eine ältere, weit natürlichere gegenüberstehe“ ²), zu rechtfertigen. Aber dieses Vorgehen würde uns selbst in die Enge treiben, da Odysseus nicht etwa, wie es bei Aristoteles heisst³), Xeuuαo Seis, sondern reich beschenkt und köstlich gekleidet aus dem Phäakenlande heimkehrt, eine Verwandlung also nothwendig war. Ein solch summarisches Verfahren wäre um so weniger zu billigen, da in der Unterredung zwischen Athene und ihrem Schützling alle übrigen Scenen gleichsam in nuce verborgen liegen. Ein kurzer Ueberblick des Inhalts wird dies klar machen. Damit sich Odysseus nicht sofort nach der Landung auf Ithaka entferne, hüllt ihn Athene in einen dichten Nebel ein, der ihn die heimischen Fluren nicht erkennen lässt. Verschlagen und klug wie er ist, verstellt er sich ihr gegenüber, die ihm als Hirte erscheint, und erkennt erst die Göttin, als diese sich in ein stattliches Weib verwandelt hat. Den Eröffnungen gemäss, die ihm in der Unterwelt geworden sind ⁴), räth sie ihm, alle Leiden in seinem Hause geduldig zu ertragen, die Tugend seiner Gattin zu prüfen und vor allem listig und verschlagen zu Werke zu gehen. Der Nebel fällt und im Sonnenglanze liegt das ge- liebte, langersehnte, meerumgürtete Eiland vor ihm. Sein Gebet zu den Nymphen und Athene ist der Aus- druck des innigsten Dankes, wenn gleich es wegen der Anwesenheit der Göttin einen befremdenden Eindruck macht. Athene birgt seine Schätze in einer Höhle und mahnt ihn alsdann die Freier, welche mit Geschenken um Penolopes Hand würben, zu tödten. Um das Vorhaben leichter ausführen zu können, wird er durch Athenes Zauberstab in einen Bettler verwandelt, aber nicht etwa, damit er direkt in seinen Palast eile, sondern damit er vorerst den getreuen Sauhirten Eumäus besuche, weil er bei diesem mit Telemach zusammen- treffen soll. Dieser Umstand sowie der Parallelismus der Handlung, der zwischen der Rückkehr des Telemach von Sparta und dem Aufenthalte des Odysseus bei Eumäus stattfindet, beweisen den innigen Zusammenhang dieser Scene mit der Telemachie. Wie in dieser die ursprüngliche Grundlage durch das Eingreifen Athenes in die Handlung verdunkelt ist, und die Attribute des zweiten Motives eingeführt werden, so beruht die ganze Scene, welche sich zwischen Odysseus und seiner Schutzherrin abspielt, auf den Ausflüssen des zweiten Motives. Der zweifelhafte Charakter Penelopes, der Hinweis auf die Gewaltthätigkeiten der Freier und deren Werbung um des schönen Weibes Hand mittels der Geschenke treten hier viel klarer zu Tage, als dies an irgend einer Stelle der Telemachie geschieht. Dazu kommt, dass eine doppelte Fassung der Stelle vorliegt, worin die Verwandlung des Helden in einen Bettler geschildert wird. Die einfachere in XIII, 398— 401 wird durch eine complicirtere in 430— 438 überboten. Obgleich es besonders darauf ankam, seinen Gesichts- zügen das Aussehen eines Greises zu geben, so wird der Hauptnachdruck an zweiter Stelle doch auf seine äussere Ausstattung gelegt. Er erhält ausser dem Xaε†ρs noch einen Chiton, ein Hirschfell, einen Stab und einen garstigen Ranzen, welche Dinge an erster Stelle nicht genannt sind. Konnte ihm bei solch zweifacher Ver- änderung seines Aeusseren auch nur ein Schatten seines früheren Aussehens bleiben, so dass Penelope später die Aehnlichkeit des Bettlers mit ihrem Gemahle auffällté), und selbst sein Jagdhund ihn wieder erkennt? ⁴) Auch im 14. Buche ist es zunächst wieder Athene, welche ihrem Schützling die Stätte zeigt, wo sich Eumäus in Abwesenheit seines Herrn eine Wohnung gebaut hatte. Dorthin hatte nach Mei- nung der Freier Telemach seine Schritte gelenkt, während er thatsächlich nach Pylos und Sparta abgereist war 7). Eumäus schickt den Freiern täglich einen Eber ⁰), bringt dagegen später selbst drei Eber in die Wohnung des Odysseus 9), was sich durch die Feier des Apollofestes und den Auftrag des Telemach 1⁰)
¹) Progr. von 1874,§. 14 ff. ²) Composition der Odyssee, S. 136. ³) Poctik, cap. XVII, ævντ⁶ε—* dρνεx T³αιμααασαεᷣ. ⁴) Od. XI, 115 ff., 440 ff., 454 ff. ⁵) XIX, 357 ff., vergl. 379 ff. ³) XVII, 291 ff. ⁷) IV, 638 ff. ³) XIV, 17 ff., 26 ff., 107 f. ⁹) XX, 162 f. ¹⁰) XVII, 599 ff.


