Das doppelte Motiv im Freiermord
oder
Der ursprüngliche Schluss der Odyssee.
Von
Dr. Adam.
Nec aspera terrent.
Der in dem Osterprogramme von 1874 ¹) versuchte Nachweis von der Existenz eines doppelten Motivs in der Telemachie erheischt eine Fortsetzung für den Freiermord, für jene Gesänge der Odyssee, welche das Leben und Treiben des heimgekehrten Dulders schildern. Bei der Durchmusterung der letzten zwölf Bücher der Odyssee ist es dann auch möglich, unsere Ansicht über das der Telemachie zu Grunde liegende Motiv darzulegen, was wir damals sowohl wegen des knapp zugemessenen Raumes als auch wegen des noch nicht genügend erforschten Zusammenhanges des zwölften bis siebzehnten Gesanges mit der Telemachie nicht zu thun vermochten.
Wir haben schon damals darauf hingewiesen, dass zwei so widerstreitende Motive nothwendig auch zwei: verschieden geartete Gedichte voraussetzen lassen ²), die höchstens den Umstand mit einander gemein hatten, dass sie dieselbe Sache und dieselbe Person behandelten. Nach dem ersten und ursprünglichen Gedichte erscheinen auf die durch Nauplius verbreitete Nachricht vom Tode des Odysseus hin 20 ithakesische Jüng- linge im Palaste des Odysseus und verzehren ohne Ersatz seine Vorräthe an Wein und Vieh, um dadurch einen Druck auf Penelope auszuüben, weil sie durch ihre Hand die Königswürde in Ithaka zu erlangen hoffen. Nach dem andern treten, weil Odysseus vor seinem Abgange nach Traja seinem Weibe erklärt hat, dass es, wenn Telemach erwachsen, und er selbst noch nicht zurückgekehrt sei, sich wieder verheirathen solle, viele Freier aus Ithaka und von den umliegenden Inseln in dem Hause des vielgeprüften Mannes auf und werben mit Geschenken um Penelopes Hand, weil sie die schönste unter allen Frauen ist, scheuen sich aber dabei nicht, mit den Mägden ungebührlichen Unfug zu treiben und alle Fremden zur Zielscheibe ihrer muth- willigen Streiche zu machen. Bei Erwägung dieser Momente muss es jedem unbefangenen Kritiker von selbst einleuchten, dass nicht einmal in einem Volksepos, das doch weniger nach den Regeln der Kunst eingerichtet zu sein pflegt, solch' entschiedene Gegensätze in der Behandlung eines und desselben Gegenstandes gebilligt werden können, weil auch es einen einheitlichen Unterbau haben muss, der, wenn er auch nicht nach allen Seiten hin gleichmässig ausgeführt wird, doch nicht in so eklatanter Weise ganz und gar erschüttert werden kann.
Der Brennpunkt der ganzen Odyssee ist das 13. Buch. Von ihm aus laufen die Strahlen vor- und rückwärts, und Athenes freundliche Erscheinung ist es wiederum, in deren Hand der Dichter alle Fäden
¹) Die ursprüngliche Gestalt der Telemachie und ihre Einfügung in die Odyssee. ²) Progr. von 1874. 8. 7 f. 1


