Aufsatz 
Aus großer, ernster Zeit. Ansprachen
Entstehung
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Es war einmal ein ungewöhnlich begabter und tüchtiger Knabe, der trat neu in eine mittel⸗ mäßige, arg verwilderte Klaſſe ein. Er war nur arm, auch fehlte es ihm an richtiger Gewandtheit und Lebensart; wenn die anderen leichtſinnig vergeudeten und ſich beliebt machten, mußte er ſparſam ſich beiſeite drücken, das machte ihn ſcheu und ängſtlich, auch wohl ein wenig knickerig. Manches ſuchte er den anderen abzulernen, doch ſein etwas täppiſches Weſen dabei zog ihm Spott, auch wohl Verachtung zu. Jedoch gelang es ihm, kraft ſeiner Gaben und ſeines Eifers, alle Mitſchüler in den Leiſtungen auf den verſchiedenen Wiſſensgebieten zu übertreffen. Das erregte Neid und Mißgunſt, zumal ihm rechthaberiſches Weſen nicht fremd war. Noch ſchlimmer aber war es, daß er von dem ſtärkſten und gewiſſenloſeſten Kameraden auf das niederträchtigſte bei den übrigen verläumdet wurde, ſo daß allmählich faſt alle gegen ihn ſtanden, nichts mehr von ihm wiſſen wollten und ihn verab⸗ ſcheuten. Er konnte tun, was er wollte, alles wurde ihm falſch gedeutet, in häßlichſter Weiſe ver⸗ dreht und verzerrt. Strebſamkeit wurde als Strebertum, ſeine Beſcheidenheit als Maske, ſeine Freundlichkeit und Friedfertigkeit als Heuchelei angeſehen. Das machte dem Armſten große Sorge. Was blieb ihm da übrig? Seine Ehre konnte er doch nicht mit Füßen treten laſſen. Da er ein kräftiger Burſche war, der auch körperlich ſeinen Mann ſtand, war ſein Plan bald gemacht. Auf einem Klaſſen⸗Ausfluge fing der brutalſte unter den Genoſſen wieder an, ihn zu foppen und zu hänſeln und ihn anzugreifen; und die anderen fielen auch wie eine Meute kläffender Hunde über ihn her. Da nahm er alle Kraft zuſammen, drückte die ſchwächeren Gegner beiſeite und packte den ſchlimmſten ſo feſt, daß ihm Hören und Sehen verging und daß er zu Boden ſtürzte. Die anderen waren wie vor den Kopf geſchlagen und ſtaunten; ſo viel Schneid und Mut und Kraft hatten ſie dem bisher Verkannten nicht zugetraut. Die Stimmung gegen ihn ſchlug um. Bald wurde ſeine Freundſchaft geſucht, aus Achtung erwuchs Vertrauen, aus Vertrauen ſogar Liebe, und die übrigen ordneten ſich willig dem Starken unter.

Soweit das Gleichnis. Es dürfte durchſichtig genug ſein. Deutſchland iſt ja erſt ſpät als gleichberechtigte Macht unter die übrigen Mächte getreten. Die Völker ſahen im Deutſchen vielfach nur den Duckmäuſer und Bücherwurm, den Denker und Träumer. Erſt nach und nach erkannten ſie, daß geiſtiges Wiſſen und Können auch für Technik und Induſtrie und für den kaufmänniſchen Handel von hoher Bedeutung ſein kann, daß die allgemeine Volksbildung von höchſtem Segen, die militäriſche Zucht eine vorzügliche Charakterſchule ſei, kurz, daß Deutſchland mit ſeiner Gründ⸗ lichkeit und Ehrlichkeit, mit ſeiner jugendfriſchen Kraft ihnen überlegen ſei; beſonders England empfand den Störenfried als läſtig, und ſo ſuchte es ihn unter Aufhetzung der anderen Staaten zu vernichten, mit allen Mitteln, auch den verwerflichſten. Deutſchland jedoch trotzte ihm, und noch jetzt ſtehen ſie einander gegenüber. Hoffen wir, daß das Gleichnis auch in ſeinem Schluſſe die Beſtätigung finde! Und was dann? Der Deutſche wird das Urteil der anderen Völker über ſich nicht völlig in den Wind ſchlagen dürfen; er wird nicht wie der römiſche Tyrann denken:Mögen ſie mich haſſen, wenn ſie mich nur fürchten! Er wird ſich mit ihnen friedlich und ſchiedlich abfinden müſſen, am beſten wird er das tun, was wir kürzlich bei Tacitus von Agricola laſen, als er zum Heeresdienſt nach Britannien ging. Da heißt es:Er war beſtrebt, ſich mit der Provinz bekannt zu machen und dem Heere bekannt. zu werden, von den Erfahrenen zu lernen und ſich an die Beſten zu halten, nirgends ſich prahlend vorzudrängen, aber auch nirgends zaghaft ſich zurückzuhalten, ſtets ebenſo vorſichtig wie energiſch zu handeln. Das ſind Worte voll Staatsweisheit und Lebensklugheit.

An Gottes Segen aber iſt alles gelegen. Und ſo beten wir mit dem(62.) Pſalm Davids: Meine Seele iſt ſtille zu Gott, der mir hilft, denn er iſt mein Hort, meine Hülfe, mein Schutz, daß mich kein Fall ſtürzen wird, wie groß er iſt. Wie lange ſtellet Ihr alle Einem nach, daß ihr ihn erwürget, als eine hangende Wand und zerriſſene Mauer? Sie denken nur, wie ſie ihn dämpfen,