12 uns in unſerer Ehrlichkeit und Beſcheidenheit nicht verſtehen, weil ihnen unſer Weſen ganz fremd iſt; und da ſie dieſes als etwas Ungewöhnliches, Großes, Ungeheures fürchten, wollen ſie es mit uns aus der Welt ſchaffen.
Wir wollen nicht Phariſäer ſein und uns an die Bruſt ſchlagen mit dem Gebet:„Herr Gott, ich danke Dir, daß ich nicht bin wie jene da!“ Es gibt bei allen Nationen gute und ſchlechte Menſchen. Doch das ſpüren wir in dieſer großen Zeit, und das iſt eine ſtählende Uberzeugung: Es iſt etwas in unſerm Volke, das iſt ſo eigen, ſo herrlich, daß es bei den anderen Nationen ſich nicht finden kann, es iſt eben das, was in den beſten Männern unſerer Geſchichte das deutſche Weſen ausgemacht hat und in dieſer oder jener Form zu einem dauernden Beſitztum geworden iſt. Es iſt das, was unſer Volk hochgebracht hat. Es iſt die Tiefgründigkeit, mit der wir Deutſche, d. h. die Beſten von uns, alle Dinge in der Welt, Gott, Natur, Geſchichte, uns ſelbſt aufzufaſſen gewohnt ſind, die Gründlichkeit, die auch das Kleine aus Liebe zur Wahrheit nicht mißachtet oder überſieht, die wiſſenſchaftliche Tüchtigkeit und die Gewiſſenhaftigkeit in allen Dingen, ſeien ſie techniſcher, ſeien ſie geiſtiger und ſittlicher Art. Den inneren Wert einer Sache über den äußeren, das Ewige über das Zeitliche, die Wahrheit der Idee über die Flüchtigkeit der Erſcheinung zu ſtellen: das iſt echt deutſch.
Und das iſt offenbar den anderen Nationen in ihrer Geſamtheit fremd und unverſtändlich. Sie meſſen uns mit ihrem eigenen Maße— und das langt nicht. So geraten ſie in die Wut des Reides und der Verkleinerungsſucht. Wir brauchen nicht Heuchelei, Lüge, Verleumdung wie die Gegner. Das ſind Geburten der Schwäche. Wir fühlen uns ſtark!— Gerade Eure jungen Seelen müſſen ja erſchauern vor dem Gräßlichen, das die Feinde an Verwundeten und Gefangenen tatſächlich verüben und das ſie uns andichten, als ob es deutſche Art wäre, Wehrloſen, Unſchuldigen, Verwundeten die Augen auszuſtechen und Brand und Mord aus Luſt am Brennen und Morden zu verüben!— Hegen wir alle um ſo ernſter und treuer das, was das Beſte an unſerm deutſchen Weſen ausmacht! Bedenkt auch Ihr immer, was ein Bolk hoch bringt, was jeden einzelnen, alt oder jung, zum Ziele führt, das iſt ſchlichte, ehrliche Tüchtigkeit und Gewiſſenhaftigkeit.— In dieſem Sinne wollen wir das Winter⸗Halbjahr beginnen und in all der Kriegsnot ſprechen mit dem Pſalmiſten(25): Nach dir, Herr, verlanget mich. Mein Gott, ich hoffe auf dich. Laß mich nicht zu ſchanden werden, daß ſich meine Feinde nicht freuen über mich. Denn keiner wird zu ſchanden, der deiner harret; aber zu ſchanden werden müſſen ſie, die loſen Verächter. Leite mich, Herr, in deiner Wahrheit und lehre mich; denn du biſt der Gott, der mir hilft; täglich harre ich deiner. Siehe, daß meiner Feinde ſo viel iſt, und ſie haſſen mich aus Frevel. Bewahre meine Seele und errette mich; laß mich nicht zu ſchanden werden, denn ich traue auf dich. Schlecht und recht, ſo erhalte mich und behüte mich, denn ich harre deiner. Gott, erlöſe unſer Volk aus aller ſeiner Not!—
5. Dezember 1914.
Alle Religionen predigen die Liebe. Und doch!— Die Welt war vielleicht nie ſo ſehr mit Haß gefüllt wie jetzt, wo die mächtigſten Völker der Erde in blutigem Kriege ſtehen. Jede Nation iſt von dem guten, ja heiligen Rechte ihres Haſſes völlig überzeugt und durchdrungen. Und wir er⸗ ſchraken wohl bei Beginn des Krieges über den lodernden Haß gegen uns und wurden in deſſen Verlaufe immer mehr noch gewahr, wie wenig Liebe der Deutſche in der Welt genießt, auch bei den Neutralen, wie Holland und Italien und gar Amerika; erquickend waren nur einzelne Stimmen aus Skandinavien. Das gibt zu denken und fordert zur Selbſtprüfung auf. Andere tadeln, verurteilen, haſſen iſt leicht, ſich ſelbſt, auch in den Schwächen erkennen und dann ſich beſſern iſt ſchwer. Ich will durch einen Vergleich die Stellung Deutſchlands unter den anderen Völkern veranſchaulichen. Ich wähle ihn aus dem Euch am nächſten liegenden Bereiche, dem der Schule.


