Aufsatz 
Aus großer, ernster Zeit. Ansprachen
Entstehung
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kündigen, und immer wieder Eure jungen Herzen füllen mit Begeiſterung, mit Glauben, mit Hoffnung. Dieſer Krieg iſt auch für Euch eine herbe Schule; ſie lehrt Euch den tiefen Ernſt des Lebens frühe kennen durch die ſchreckenvollſte Gefahr, die je über unſer Vaterland hereingebrochen iſt. Eine ſolche Zeit, wie die jetzige, ruft mit ehernem Munde ihrer noch nicht waffenfähigen Jugend zu: Nutze jeden Augenblick, um Dich geiſtig und leiblich tüchtig und ſtark und ſittlich feſt zu machen!

In dieſem Sinne wollen wir an unſere Arbeit wieder herantreten, mag es uns allen auch ſchwer fallen, die Gedanken von dem abzulenken, das unſer Herz zum Springen füllt.

Wir wollen für unſere Heere beten, wir wollen feſthalten an dem Glauben, daß die Welt⸗ geſchichte das Weltgericht iſt, daß der alte Gott noch lebt, der unſer Vaterland vor hundert Jahren aus Not und Gefahr errettete, wir wollen glauben an die unverwüſtliche Größe und Zukunft unſeres Vaterlandes.

Gott ſei mit Kaiſer und Reich, Gott ſchirme unſere wackeren Krieger und verleihe ihnen den Sieg!

. 22. Auguſt 1914.

In dieſer ehernen Zeit, wie ſie niemals ernſter und ſchwerer über unſer Vaterland hereingebrochen iſt, wie ſie aber auch niemals ein einigeres Volk von Brüdern geſehen hat, wollen auch wir uns nicht nach Religion und Konfeſſion von einander ſondern, wenn wir unſere Gedanken und Herzen und Hände zu jenem Herrn dadroben emporheben, der die Geſchicke der Völker lenkt. Die Not entwickelt Kraft und ſchmiedet zuſammen und lehrt beten. War es nicht etwas Großes und Herrliches, daß eine zahlloſe Menge in Berlin, aus allen Ständen und Bekenntniſſen zuſammen⸗ geſetzt, nach der Kriegserklärung an Rußland mit brauſendem GeſangeNun danket alle Gott! anhob, daß zu anderer Stunde ein junger Künſtler auf dem Schloßplatz mitten in der Menge das Niederländiſche GebetWir treten zum Beten anſtimmte und Hunderte einfielen, daß ca. 30 000 Menſchen am Bismarck⸗Denkmal, wo Feldgottesdienſt abgehalten wurde, wie aus einem Munde, das Vaterunſer beteten? Das feſte Vertrauen auf einen gerechten Gott, der ſich nimmermehr auf die Seite unſerer verlogenen Gegner ſtellen kann, durchzittert ſolche Klänge. Wir ſpüren es alle: Eine neue große Zeit iſt heraufgezogen, ein gereinigtes, neu geeinigtes, mächtiges Deutſchtum wie nie zuvor. Ein jeder, ob alt, ob jung, wurde von dieſer Weihe einer heiligen Zeit berührt, wurde innerlicher, tiefer, ſtiller, ſtärker. Ich denke, auch Ihr alle, liebe Schüler! Der einzelne macht, je älter er wird, die Erfahrung, daß alltägliche Argerniſſe, Mißhelligkeiten, Enttäuſchungen, Entbehrungen, Hemmungen ihn oft mehr quälen als nötig, ja aus der Faſſung bringen, während ein großer, tiefer Schmerz ihn gefaßt und getroſt findet. Wie iſt das zu erklären? In jenen Fällen ſetzen wir zu geringen inneren Widerſtand den Reibungen entgegen, in dieſen ſtemmen wir uns mit der ganzen Kraft unſerer Seele dagegen. Und ferner! Aus einem wirklich tiefen, großen Schmerz erblüht geheimnis⸗ reiche Andacht; wir ſehen dem Leben ſelbſt, dem Menſchenlos, dem Schickſal, der Gottheit ins große Auge.

Wie bei dem einzelnen, ſo iſt es auch bei dem deutſchen Volke in dieſen Wochen. Die un⸗ geheure Gefahr, die über uns ſchwebt, hat unſere Volksſeele ſtark gemacht zu Innerlichkeit und Sittlichkeit und Glaubensmut. Wie Schlacken ſind Schäden und Schwächen gewichen, und das reine Gold des germaniſchen Charakters blinkt hervor. Wir wiſſen: Es gilt die große Probe. Wir wohnen in der Mitte Europas, man hat Deutſchland das Herz Europas, das Herz der Welt genannt, ſein beſtes geiſtiges Blut hat dies Herz über die Völker ausgeſtrömt, und von ihnen iſt wieder neues zurückgeſtrömt. Es war ein Geben und Rehmen, namentlich zwiſchen Deutſchland und England. Jetzt hat dieſes alle Fäden zerſchnitten, die die ſtammverwandten Bölker verbanden; es iſt für viele von uns und für viele dadrüben ſelbſt unbegreiflich. Engliſche Staatsmänner, die immer dankbar anerkannten, was ſie Deutſchlands Hochſchulen, Deutſchlands Denkern und Dichtern ſchuldeten, haben