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logie“ zu bezeichnen. Es iſt wohl überflüſſig zu betonen, daß dieſe unſre„Naturerklärung“ ſtets mit Vorſicht zu geſchehen hat; wir können noch lange nicht die ganze Unermeßlichkeit der Naturerſchei⸗ nungen richtig ausdeuten; ſicher aber iſt, daß dieſe Art der Betrachtung unſern Unterricht ſehr ver⸗ tieft hat, ſo daß jetzt auch der Schüler die Großartigkeit der Naturwiſſenſchaft zu ahnen beginnt und mit mehr Teilnahme als früher ſich ihr zuwendet.
Es ſei mir nun geſtattet zu zeigen, daß das angeſtrebte Ziel— Erkenntnis des Weſens und der Zuſammenhänge der Lebeweſen durch Beobachtung ihrer Lebensweiſe— nur dann recht erreicht werden kann, wenn der Unterricht nicht nur in der Klaſſe erfolgt, ſondern ſo oft als möglich— und nötig— hinausgetragen wird in die lebende Natur ſelbſt; und inwiefern der Schulgarten als teil⸗ weiſer Erſatz für die freie Natur dienen muß und kann.
Daß das lebendige Geſchöpf nicht erſetzt werden kann durch das beſte Bild oder durch die be— ſten Präparate, weiß jeder, der namentlich die Bedürfniſſe des Kindes kennt. Der Verfaſſer hat ſo oft als möglich lebende oder friſch getötete kleinere Tiere, die die Schüler gern mitbringen, in der Klaſſe verwendet. Man wird ſicherlich jede Gelegenheit benutzen, draußen die lebende Tierwelt den Schülern zu zeigen, ſo gut es eben geht, wird auch verſuchen, paſſende Tiere in Gefangenſchaft zu halten,— aber alle dieſe Beſtrebungen finden aus praktiſchen Gründen ihre baldige Grenze. Ein zoologiſcher Garten, der übrigens in ſeiner heutigen Geſtalt dem wahren Tierfreund mehr als ein großes Marterhaus erſcheint, iſt nun einmal nicht überall zu haben. Anders iſt es mit den Pflan⸗ zen. Seit lange werden ſie in den Klaſſen beſchrieben, weil man eben hier dem Schüler ſtets das Ob⸗ jekt ſelbſt, noch dazu lebensfriſch, in die Hand geben kann..
Hier hat aber unſer ſeitheriges Verfahren mit manchen Mißſtänden zu kämpfen. Der erſte betrifft die Auswahl des Materials. Ein planmäßiger und zielbewußter Unterricht verlangt ganz beſtimmte Pflanzen, die durch andere eben nicht ohne weiteres erſetzt werden können. Dieſe ſind nun durchaus nicht ſämtlich überall zu finden. Am wenigſten aber ſind ſie nach dem meiſt beliebten Ver⸗ fahren durch einen unkundigen Schüler ſicher und rechtzeitig zu erhalten. Die Unkenntnis des Samm⸗ lers führt oft zu unliebſamen Verwechslungen. Oder, was ſehr häufig der Fall iſt, die Pflanzen wer⸗ den in unbrauchbarem Zuſtande, mit verwelkten und abgefallenen Blüten geliefert. Es gibt eine An⸗ zahl zarter Blüten, die ſich kaum friſch erhalten laſſen, vielmehr unmittelbar vor dem Unterricht ge⸗ pflückt werden müſſen. Der Lehrer aber verfügt bei der heutigen Inanſpruchnahme nicht über die Zeit und Kraft, den Bedarf einer Anzahl von Klaſſen ſelbſt zu decken.
Aber auch die beſterhaltene und-⸗-ausgewählte Pflanze iſt ja herausgeriſſen aus ihrer Um⸗ gebung. Heuts aber ſollen wir auch dieſe berückſichtigen, wollen wiſſen, wie der Boden beſchaffen, feucht oder trocken, ſchattig oder ſonnig, wollen die ganze Entwicklung von der Knoſpe bis zur Frucht kennen lernen; das alles ſoll der Schüler ſehen, nicht blos hören. Er ſoll auch ſehen, wie die Hummel geflogen kommt und in die Taubneſſel- und Salbeiblüte hineinkriecht, deren kunſtvoller Bau,— wieviel wundervoller als der der Roſe!— nur ſo verſtändlich wird. Und er ſoll das alles nicht blos an einem Beiſpiel und in einem Fall ſehen, obwohl das beſſer wäre als zehn Beſchreibun⸗ gen und fünf Bilder, ſondern wieder und wieder, damit ein feſter Grund klarer Begriffe gebildet werde, der fürs Leben vorhält.


