Aufsatz 
Der Schulgarten / von Emil Beyer
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Der Schulgarten.

von Oberlehrer Dr. Emil Beyer.

Der nachfolgende Aufſatz bringt dem Fachmanne nichts Neues. Er iſt geſchrieben einzig und allein, um die Eltern unſerer Schüler und die Freunde unſerer Schule näher bekannt zu machen mit einer Einrichtung, die hier im Werden begriffen iſt, und die der Verfaſſer als unentbehrlich anſieht für eine zeitgemäße Ausgeſtaltung des naturkundlichen Unterrichts.

Seit wir ſelbſt zur Schule gingen, hat ſich auf dieſem Gebiete vieles geändert. Der erzieh⸗ liche Wert der ſog. beſchreibenden Naturkunde(Pflanzen-, Tier⸗ und Steinkunde) iſt ein doppeltex. Einmal ſind die Kenntniſſe, die hier vermittelt werden wenigſtens in ihren Grundzügen durch⸗ aus nicht zu entbehren, denn der Menſch tritt nicht nur in hundertfache bewußte Wechſelbeziehung zu der ihn umgebenden Welt, ſondern er ſelbſt wird auch als Lebeweſen erſt voll verſtändlich im Lichte des Vergleiches mit den übrigen Lebeweſen. Und zweitens haben dieſe Kenntniſſe nur dann bleiben⸗ den Beſtand, wenn ſie durch eigene Beobachtung gewonnen werden; ihre Aneignung zwingt alſo zum Beobachten, ſie öffnet und ſchärft die Sinne.

Während der letztere Umſtand ſchon lange anerkannt iſt und derNaturbeſchreibung Ein⸗ gang in die Schule verſchafft hat, iſt die erſte Seite ihres Wertes erſt in jüngſter Zeit ganz erkannt worden und hat zu einer vertieften Betrachtung des Unterrichtsſtoffes, zu einer Umwälzung ſeiner Methode geführt. An Stelle der Naturbeſchreibung iſt die Naturerklärung getreten, oder, beſcheide⸗ ner geſagt, wird die letztere angeſtrebt. Einſichtsvolle Lehrer haben wohl ſchon von jeher ihre Schü⸗ ler darauf hingewieſen, welchen Nutzen die oft ſo merkwürdigen Körpereinrichtungen für Tier und Pflanze haben. Aber dieſe Betrachtungsweiſe fand nur mehr gelegentlich Anwendung, in beſonders auffallenden Fällen. Die Hauptſache blieb die Gewinnung des Syſtems. Es war der Einfluß Linnés, der in den Schulen noch nachwirkte, als in der Viſſenſchaft ſelbſt längſt die Formenbeſchrei⸗ bung ſich einerſeits zur Phyſiologie, andererſeits zur Entwicklungsgeſchichte erweitert hatte. Die Hauptergebniſſe beider beginnen jetzt erſt den Gebildeten vertrauter zu werden; und die Beziehungen der Phyſiologie zur Morphologie, des Lebens zur Körperform, drücken dem heutigen naturwiſſen⸗ ſchaftlichen Schulunterricht ihren Stempel auf.Inwiefern ſtimmen Körperbau und Leben über⸗ ein? Wie erklärt ſich das Eine aus dem Anderen? das ſind die Fragen, die jetzt der Lehrer ſich und den Kindern vorlegt. Dieſebiologiſche Betrachtungsweiſe, dieLehre vom Leben iſt ſo herr⸗ ſchend geworden, daß man ſchon vorgeſchlagen hat, das ganze Unterrichtsfach kurzweg alsBio⸗