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uns die Tugend etwas. Noch beugen wir uns vor ihrer heiligen Macht. Würden wir sonst das Fest des tugendbaftesten aller Dichter mit solcher Einhelligkeit feiern? Oder feiern wir etwa die Tugend dieses Mannes gerade deshalb, weil sie uns selbst anfängt, immer mehr und mehr abhanden zu kommen? Doch hinweg mit diesem düstern Gedanken, heute wenigstens! Verlieren wir nicht den Glauben an uns selbst, an den guten Stern unsrer Nation! Die Feier dieses Tages, so oder so erklärt, giebt den Beweiss, dass wir noch Deutsche sind, dass, wäre die heutige Freude auch nur die übertünchte Klage um den Verlust der Tugend, gerade die Tugend zu dem innersten Wesen unsers Charakters gehört.
Wenn nun aber das Merkzeichen des Deutschen das sittliche Ideal und die Bemühung um tiefe Rrkenntniss ist; wenn Innigkeit des Gemüths, Tiefe des Verstandes; wenn Reusthaftigkeit und Wahrheitsliebe ihn auszeichnen: so kann es nicht befremdend sein, dass Schiller unser Lieb- lingsdichter ist, dass Schiller unser Schiller ist, dass er als der natianalste aller unsrer Dichter erhoben wird. Fern sei es von uns zu behaupten, dass ihm nicht auch Vorzügliches in realer Darstellung, in naturwahrer Schilderung gelungen sei. Es väre ein Frevel, so etwas auszu- sprechen, eine Versündigung gegen die gestaltende Dichterkraft des unvergleichlichen Mannes. Nur wird damit nicht das unterscheidende Merkmal seines Wesens bezeichnet, das nicht, wes- wegen ihm die Herzen der Deutschen entgegenschlagen, weswegen sie in dem Namen Schiller gleichsam das Symbol reinster Sittlichkeit, edelster Begeisterung verehren.
Denn Schiller ist der himmelansteigende Genius, der aus den Gefilden, wo die reinen Formen wohnen, die reinsten unter ihnen seinem Volke zur Läuterung herbeigeholt hat. Er ist der deenbeflügelte Genius, aus dessen Gesängen ein melodischer Strom leuchtender Ideen hernieder rinnt. Er ist jener Sänger, der von Freiheit singt, von Männerwürde, von Treu und Heiligkeit, der von allem Süssen singt, was Menschenbrust durchbebt und von allem Hohen, was Menschenherz erhebt. Er ist der Dichter, dessen Auge an dem Angesichte des olympi- schen, hochwaltenden Gottes hing, dessen Ohr den Harmonien des Himmels lauschte.
Wer aber so erhabenen Dingen sich geweiht hat, dessen Seele, dessen Werke müssen selbst den Abglanz des Ewigen an sich tragen. Daher der feierliche Ernst Schillers. Selten, dass er spielt; und selbst wo er spielt, spielt er nur in sofern, als er spielend dem Ernsten und Würdigen die anmuthige Hülle webt. Daher der gleichgam aberirdische Schein, der über sein persönliches Wesen, wie über seine Schöpfungen ausgebreitet ist. Daher seine Verach- tung all und jeder Gemeinheit der Seele; daher sein Freiheitssinn, sein kühnes Streben, die Schräanken des Wahren und Vortreflichen niederzureissen, sein wehmächiger Schmer⸗ darüber, däss der Mensch doch ewig davon gehemmt und eingeengt pleibt. Daher die glanzrolle Pracht seiner Sprache in gebundener wie ungebundener Rede, die feierlich-eruste Melodie seiner Ge- sünge. Beides verkündigt die Nähe des Heiligen. Beides ergreift schon die jugendliche Seele, lange bevor sie den Sinn und Gehalt dieser Sprache, dieser Dichtungen zu begreifen im Stande


