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Ist es nun ein Wunder, dass wir diese geheimnissvoll wirkende Denkkraft so hoch nnd heilig halten? Dass wir ihre Produkte, die Ideen, als aus einer bessern Welt stammend be- trachten? Dass wir mit unbefangener Aufrichtigkeit diese Ideen dem Sinnenscheine als Wahr⸗ heit entgegensetzen und ihren Inbegriff sogar als das Dasein jener bessern Welt beesjelnena Kurz, ist es ein Waunder, dass wir ldealisten sind?
Worüber der Mensch aber nachdenkt, das liegt ihm am Herzen. Je ernsthafter er also nachdenkt, desto mehr muss ihm der Gegenstand seines Nachdenkens ans Herz gewachsen sein. Wenn wir Deutsche nun mit Recht die denkende Nation genannt werden, so werden wir aus dieser unsrer Eigenschaft einen Rückschluss auf die Beschaffenheit unsres Herzens machen dürfen, so werden wir auch die herzlichste Nation genannt werden müssen. Die deutsche Treue ist sprüchwörtlich, das deutsche Gemüth welthekannt. Wir Deutsche denken also wohl desshalb so ehrlich, so beharrlich nach, weil unser Gemüth mit so treuer Liebe den Dingen seiner Sphäre zugethan ist.
Der Mensch als herzliches Wesen hat aber auch Wünsche. Er will nicht nur Licht haben über die ihm theuern Dinge und Verhältnisse, sondern er verlangt auch eine Verwirklichung, eine Gestaltung derselben, wie sie ihrem Begriff und seinem Gemüthe ent- sprechen. Aber diese Wünsche scheitern nur allzuoft an den Gesetzen dieser Welt. Und dennoch erlahmen sie nicht; ja sie werden um so energischer, je mehr die Erfahrung lehrt, dass diese Gesetze in unerschütterlicher Ruhe und fühlloser Gleichgültigkeit unwiderruflich beharren.
Da tritt nun anf das wunderbare Götterkind, die erfindungsreiche Phantasie. Mit- leidsvoll geht sie an ihr tröstliches Geschäft und bildet emsig mit goldenem Handwerksgeräth jene reizenden Werke, die die Thränen des Gemüthes trocknen und ihm, wenigstens auf eine Stunde, die seligste Genüge bereiten. Welcherlei Werke aber bildet sie? Freundliche Mär- chen, Abbilder des herbeigesehnten Zustandes, Ideale. Ideale sind also in diesem Zusammen- hange nichts anders als Bilder der Phantasie, die Menschen und Dinge so darstellen, wie das Gemüth sie zu haben wünscht. Natürlich sind die ldeale so verschieden, so verschieden die Menschen, Völker und Zeiten sind. Der Morgenländer hat andere als der Occidentale, der Germane andere als der Romane. Der ehrbare, herzliche Deutsche hat vorzüglich sittliche ldeale. Bilder gesteigerter Tugenden sind ihm besonders werthvoll, Bilder, in denen das Licht edler Charaktereigenschaften gleichsam das Licht der Wirklichkeit, das liebe Sonnenlicht über- strahlt. Wie beglückt es ihn, die Ideen moralischer Vollkommenheit, die er denkend zu erfassen so mächtig bestrebt ist, auch schauen zu können! Wie erfüllt es ihn mit dankbarer Freude, wenn die Dichtkunst, anmuthig lüchend, den Segen des Ideals, seines Ideals, in die bewegte Seele ihm träuft!
Mag es sein, dass in dieser Beziehung unter uns in den letzten Jahrzehnten eine Aen- derung erfolgt ist. Ganz wenigstens haben wir unsere Natur noch nicht geändert. Noch gilt


