Aufsatz 
Rede am hundertjährigen Geburtstage Schiller's
Entstehung
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Woraus möchte aber wohl diese herrliche Uebereinstimmung zu erklären sein? Welchen Grund geben wir für diese wundervolle Erscheinung an? Ist es der Dichter, der durch eine gewisse höchste Vollkommenheit der Kunst solch einen Zwang auf die Gemüther ausübt? Nein, dies kann es wohl nicht sein. Das Verständniss künstlerischer Vollendung ist in unsern Ta- gen sicher kein Gemeingut, nicht der Lebensalter, nicht der Stände, nicht der Vollksstimme. Auch besitzen wir ausser Schiller namentlich einen Künstler, der ihn in dieser Beziehung wohl übertreffen möchte. Und doch erfreut er sich nicht dieser allseitigen Liebe, nieht des Ruhms, ein Volksdichter im edelsten Sinne des Worts zu sein. Ebenso liegt es auf der Hand, dass nicht der scharfsinnige, in die Tiefen des Wesens hinabsteigende Denker die Voranlassung der allgemeinen Frendenfeier sein kann.

Oder liegt der Grund etwa darin, duss Schiller es vornehmlich gewesen ist, der die fremden Nationen zur Achtung vor dem deutschen Geist und Gemüth gezwungen hat? Wir trauern, dass der böse Dämon des Zwiespalts sich breit über unser Vaterland hingelagert hat und dass in Folge dessen Engländer und Franzosen, Russen und ltaliener mit Achselzucken und Nase- rümpfen auf uns herabsehen. Ergreifen wir nun jede Gelegenheit, also auch die heutige, des- wegen so begierig, um wenigstens in einer Hinsicht des Genusses eines nationalen Selbst- gefühls theilhaftig zu werden? Auch diese Erklärung ist nicht stichhaltig, wie Jeder, der sich selber prüft, bezeugen wird, obwohl keineswegs geläugnet werden darf, dass der politische

Gedanke den Deutschen bei Jer Veranstaltung des heutigan Festes winalieh fremd geblieben ist. Der Grund ist ein anderer.

Ein grosser Idealist ist uns heut vor hundert Jahren geboren. Einen Propheten gött- licher Ideen, einen Priester der Schönheit, einer keuschen und heiligen Schönheit, bescherten uns damals die ewigen Geschicke. Ein König im idealen Reiche des Geistes begann seine Heldenlaufbahn. Ein Dichter wurde uns geboren, der seiner Harfe jene herrlichen Accorde entlockte, die das Geheimniss des deutschen Herzens aussprachen und dies Herz darum mit einer nie geahnten Gewalt in Bewegung setzten. Schiller ist der Name dieses Priesters, dieses Propheten, dieses Königs, dieses Dichters. Es ist der theure, verehrte Schiller, dem die ſeierliche Freude des heutigen Tages gilt, eben deswegen gilt, weil er ein grosser Idealist

war, weil seine ideenreiche Rede dem ideellen Hange unserer Nation den zutreffenden, klas- sischen Ausdruck gab.

Denn wir Dantsche sind ein sinnendes, nachdenkliches Volk. Wir kommen langsam zum Handeln, weil wir viel denken. Und selbst unter dem IIandeln hemmen wir oft genug den Gang unsrer Thatigkeit durch grübelndes Nachsinnen. Alles, was im Umkreise eines menschlichen Daseins sich der Betrachtung darbietet, ziehen wir in Betrachtung. Wir wollen Alles ergründen, Alles durchschauen. Unsre Natur treibt uns so zu thun, und unsre grossen Denker sind der Beweis hierfür. Denn sie sind die tiefsten und merkwürdigsten Aller, die je die abstrahirende Kraft des Denkvermögens an den Tag gelegt haben.