Aufsatz 
Rede am hundertjährigen Geburtstage Schiller's
Entstehung
Einzelbild herunterladen

5

Was aber unsere Aufgabe in unserm engen Kreise nicht sein kann, das kann sein und ist gewesen die Aufgabe Anderer. Es haben in unsern Tagen kundige und begabte Männer solch ein anschauliches Lebensgemälde, wie wir es eben verlangten, Jeder in seiner Art, ausgeführt und zwar mit dem ausgesprochenen Zweck, damit einen Beitrag zur würdigen Feier des heutigen Tages zu liefern. Sie haben ihren Zweck, der Hauptsache nach, erreicht. Diese Bücher werden unserm Volke theuer und Manchem unter uns ein Sporn kräüftigen Strebens werden.

Aber nicht allein auf diese Weise wird das heutige Fest von den Deutschen gefeiert. Aus allen Gebieten unseres weiten Vaterlandes ist die Kunde von den Veranstaltungen dazu zu uns gedrungen. Deutschland, das sonst so zerrissene Deutschland, ist heute einig. Es ist ergriffen von dem ausgleichenden, versöhnenden Geiste der Kunst und Wissenschaft und neigt sich in einmüthiger Ehrfurcht und Dankbarkeit vor einem seiner herrlichsten Männer. Und es sind nicht allein die Deutschen in Deutschland, die von der menschlich schönen Flamme dieser Begeisterung durchglüht sind. Auch jenseits der deutschen Grenzen, ja jenseits des Weltmeers will der fromme Deutsche dem grossen Sohne des Mutterlandes seine Huldi- gung, den Dank für die heilsamsten Erschütterungen seiner Brust darbringen. Eine ganze

Nation ist in a Bewegung. .

Wo immer Bildsäulen stehen, die die hochgebietende Vernunft, die weltbeglückende Liebe des Schillerschen Genius offenbaren, heute werden sie mit Kräünzen umschlungen. In prangendem Zuge wallt das Volk zu den Monumenten seines Ruhms und strömt in ſeierlichen Gesängen die Empfindungen seines Herzens aus. Wo immer eine Schaubühne aufgeschlagen ist, über die Bretter, die die Welt bedeuten, werden heut die hohen Gestalten der Tragödie wandeln und mit ihrem thränenwerthen Geschick die athemlos harrende Menge erschüttern und erheben. Stiftangen werden gegründet im Hinblick auf den edlen Meister, dessen königliche Seele oft genug von der Noth bedränget ward. Sie werden gegründet, um würdigen Jüngern der Kunst die Last des Irdischen zu erleichtern und sie in den Stand zu setzen, die Schwin- gen ihrer Begeisterung zu enifalten. Es werden im deutschen Lande neue Stäitten ausersehen, damit sie zum Angedenken dieses Tages mit einem einfachen Denkstein oder dem ragenden Erzbilde des Dichters geschmückt werden. Endlich treten überall Redner auf, die die dunklere Empfindung zu danten versnchen und dem klopfondon Herzen das Licht des Wories entgegen bringen..

So feiern die Deutschen ihren Schiller. Und sie feiern ihn würdig so. Und wie diese Feier nieht nur in den Marken desjenigen Stammes Statt findet, dem Schiller durch seine Geburt angehört, wie sich alle Stümme unsers Volkes insgesammt daran betheiligen: so auch fast ohne Ausnahme alle Stände, Geschlechter und Alter: Fürsten und Soldaten, Staatsmünner und Gelehrte, Künstler und Gewerbtreibende, Männer und Frauen, Jünglinge und Knaben.