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auch und nicht selten wunderwürdig ist die Weise, wie er die Frucht von dem Baume des Lebens pflückt, wie er sein Dasein Wostaltot, sein Schicksal sich schmiedet, mit ihm kämpft und es erträgt.
Es ist zwar wahr, reizvoll ist besonders das Leben grosser Kriegshelden und Staats- männer. Greifbarer sind gleich anfangs die Folgen ihres Handelns, die Erschütterungen, die sie hervorrufen, wahrnehmbarer. Sie erfüllen die Welt mit rauschendem Lärm und ringen mit einem Schicksal, das in den stilleren Kreisen des Lebens nicht so gigantisch und zermalmend auftritt. Aber anziehend ist es auch, diese stilleren Kreise zu betrachten. Auch aus ihnen entwickelt sich oft ein Dasein, das die Blicke der Menschen auf sich zieht.
Schiller war nur ein Dichter. Aber Niemand wird sich sein Leben ohne Rührung und Bewunderung vergegenwärtigen können. Nicht ohne Rührung: weil wir sehen, wie reich- liche Leiden dem edlen Manne beschieden waren. Nicht ohne Bewunderung: weil wir einen Helden gewahren, dessen starker Geist mit Noth und Trübsal rastlos ringend nicht eher vom Kampfe ablässt, als bis das Gefäss, das ihn barg, von Anstrengung und Leiden gesprengt war.
Wir sind nicht so glücklich, wie viele seiner Zeitgenossen es waren, den Zauber dieser Persönlichkeit mit leiblichen Sinnen unmittelbar empfinden zu können. Versagt ist es uns, seinem gedankenreichen Gespräch zu horchen, von den Blitzen seines begeisterten Auges uns treffen zu lassen. Indessen, soviel uns in dieser Rücksicht auch versagt sein mag, eine Art von Ersatz ist uns doch geworden. Denn wie der bildende Künstler den Körper des grossen Dichters wieder auferstehen lässt und den Marmor oder das Erz mit dem unsterblichen Geist seiner Werke beseelt: so macht der Biograph uns gleichsam zu Zeitgenossen des lange Dahingegangenen. Das leidvoll thätige Leben geht an unserm Auge vorüber. Wir sind Mitlebende geworden, indem alle Schmerzen und Freuden dieses Lebens in unserer Brust ihren Wiederhall finden. Ein solcher Wiederhall aber regt die Kräfte der Menschen an, regt sie an, mit grossem Sinn die Widerwärtigkeiten des Lebens zu tragen und sich Kühn die Bahn bis zu dem selbstgesteckten Ziele zu brechen. Wir därfen daher behaupten, dass ein Leben, welches, selbst im blossen Abbilde, solche Wirkungen wenigstens haben kann, ein un- schätzbares Gut für eine Nation genannt werden muss.
Nicht unpässend nun würde es sein, wenn man zur Feier des heutigen Tages das er- greifende Gemälde vom Leben Schillers entwerfen und aufstellen wollte. Nur unsere Aufgabe kann dies hier nicht sein. Es würde von keinem Nutzen, es würde eine Entweibung sein, wollten wir versuchen, mit raschen Strichen einen Abriss davon hinzuzeichnen. Denn was einer Lebensbeschreibung hauptsächlich ihren Werth giebt, ist Anschaulichkeit. Anschaulich- keit aber ist ohne detaillirte Ausführung, ohne eine Art von Kleinmalerei nicht zu erreichen und diese verbieten uns die Schranken der uns zugemessenen Zeit.


