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Solche und ähnliche Gedanken lassen sich bei solchen Gelegenheiten nicht abweisen. Und wenn uns auch nichts hindern darf, bei ihnen mit Ernst zu verweilen, so mögen wir dennoch Sorge tragen, dass sie nicht in eine graue Unbestimmtheit schweifen, dass wir über ihnen nicht den lichten Punkt verlieren, von dem sie ihren Ausgang zu nehmen haben, der zunächst unsere innigste Hingebung erheischt. Das sei auch heute unsere Sorge.
Denn heute haben wir uns versammelt, den hundertjährigen Geburtstag eines Mannes zu feiern, der ein grosser Munn, ein höchst bewunderungswürdiger Mann war. Schiller ist heut vor hundert Jahren geboren. Ihm also vorzüglich müssen wir den heutigen Tag weihen. An den edlen Zügen seines Antlitzes müssen unsere Blicke hangen, dem Flügelschlag seines
Genius unsre Sinne lauschen. Wohlan also, Schiller werde gefeiert, denn er war ein grosser Mann!
Aber täuschen wir uns auch nicht? Wenn es wahr ist, dass, wie Schleiermacher sagt, unter den Menschen streng genommen nur Religionsstiftern und Staatengründern das Beiwort gross beigelegt werden darf, so war Schiller kein grosser Mann. Denn er hat weder eine neue Religion gestiftet, noch jemals auch nur das Ruder eines Staates gelenkt. Ein begeisterter Dichter war er, ein scharfsinniger Denker, ein musterhafter Schriftsteller. Und wenn selbst dies nur so unwidersprechlich feststände! Es ist bekannt, dass es Leute gegeben hat und noch giebt, die seine Begeisterung wohl, aber nicht den Dichter in ihm anerkennen, die Schiller den Philosophen verwerfen und die Mustergültigkeit seiner Rede in Abrede stellen. Können sie sich zur Bekräftigung ihres Urtheils nicht auf einen Ausspruch von Schiller selbst berufen? Sagt der bescheidene Mann nicht selbst, dass er eigentlich nichts weniger als ein Dichter sei, und dass höchstens da, wo er philosophiren wolle, also da, wo es nicht ge- schehen dürfe, ihn der poetische Geist überrasche?
Doch wir dürfen uns beruhigen. Der Mensch kennt sich selbst oft am wenigsten, und jenen Zweiſlern und Mäklern können wir getrost Göthe und Fichte gegenüberstellen, zwei Männer, denke ich, von unverwerfllichem Urtheile. Denn als vor längerer Zeit der Streit über Sehillers Dichterberuf besonders heftig tobte, erhob sich Göthe und sagte: er erlaube sich, Schiller einen Dichter zu nennen und zwar einen grossen. Fichte aber, einer der eminentesten Denker aller Zeiten, hat gelegentlich zu Humboldt geäussert, dass er von Schiller sehr viel für die Philosophie, dass er von keinem andern Kopfe so viel, dass er schlechterdings eine neue Epöche von ihm erwarte, falis er nur seinem Systeme die Einheit geben wolle, die in seinem Gefühle bereits herrsche. Und was endlich jenes Wort Schleiermachers betrifft, so wollen wir unsrerseits die Distinktionen nicht so auf die Spitze treiben, wie der berühmte Theologe es öſters gethan hat; und wie wir kein Bedenken tragen, Schleiermacher selbst einen grossen Kopf zu nennen, so werden wir auch Schiller als einen grossen Mann, als einen grossen Schriftsteller unzweifelhaft bezeichnen können.


