Aufsatz 
Rede am hundertjährigen Geburtstage Schiller's
Entstehung
Einzelbild herunterladen

M.en Feste giebt es, geehrte Anwesende, deren Feier das Gemüth des Menschen in Bewegung setzt, seinen Geist mit ernsten oder freundlichen Bildern erfüllt und die Willenskraft anregt zu starken Entschlüssen. Ganz eigenthümlich aber ist der Reiz und die Wirkung solcher Feier, wenn sie sich mit dem stolzen Prädicate einer hundertjährigen verbindet.

Indem wir sie veranstalten und begehen, erkennen wir deutlicher als im gewöhnlichen Laufe des Lebens den grossen Zusammenhang der irdischen Dinge, die unzerreissbare Kette der Ereignisse und Zustände, mit einem Wort: die Macht Jahrhunderte lang, ja ewig wirken- der Kräfte. Wir fühlen uns mit unserm ganzen sinnlichen und geistigen Dasein als ein Er- gebniss dieser Kräfte. Wir fühlen uns, über die Zwischenglieder jener Kette hinweg, wie angehaucht von dem Geiste entschwundener Zeiten. Die Schranken der Gegenwart scheinen gefallen zu sein, und so sehr wir auch derselben mit allen Fasern unseres Wesens angehören, in solchen Momenten ist's, als wenn wir Bürger auch der frühern Zeitalter wären. Da ent- zündet sich in uns das herrliehe Bewusstsein von der Einheit des Menschengeschlechts, von der gesetzmässigen Beständigkeit der Natur, und wir werden inne, dass dieselbe Sonne, die täg- lich ihren Bogen über unsern IIäuptern beschreibt, aueh früher Menschen geleuchtet, die, in ähnlicher Weise wie wir, des Daseins genossen und gekämpft und gelitten haben.

Aber eine Säcularfeier bietet auch noch eine andere Seite der Betrachtung dar. Fra- gen sehr ernsten, oft sehr erschütternden Charakters drängen sich unerbittlich dem Gemüthe der Betheiligten auf. Ist die Saat fröhlich aufgegangen, die vor einem Jahrhandert ausge- süet wurde? Sind die himmlischen Mächte dem Wachsthum der Pflanze günstig gewesen? Ist die Erndte eingebracht? Oder hat eine unglückselige Fügung die fruchtbeschwerten Ge- filde durch Ungewitter verwüstet? Oder ist die reiche Erndte durch unserer Väter Schuld verabsäumt? Oder ist das, was wir in banger Stunde lieblos unsern Vätern als Schuld anrechnen, für das helle Auge des Denkers vielleicht nur ein Verhängniss, das schwer auf ih- nen gelastet hat? Und fordert die Frömmigkeit nicht, dass unser Herz ebenso urtheile, wenn der Verstand diese Tiefen auch nicht sollte begreifen können? Seien wir streng gegen uns selbst! Aber unsere trefllichen Väter lasst uns, wo nieht volle Klarheit herrscht, von der Schuld rein waschen.