Aufsatz 
Über die lateinische Conjugation in Vergleichung mit der Griechischen / von Daniel Birkenstamm
Entstehung
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22 V. Capitel. Ueber die Proſodie der Wutzeln.

Nachdem wir die Proſodie der Endungen betrachtet haben, ſo müſſen wir zu dem Vokal der Wurzeln ſelbſt übergehen. Alle diejenigen Verben, welche von Subſtantiven insbeſondere von Adjec⸗ tiven gebildet ſind, laſſen wir unberückſichtigt, da wir es blos mit Verbis radicalibus zu thun haben. Der Vokalis radicalis a, ebenſo e und o, mit ſeinen Schwächungen zu i, wie capio, accipio, u. ſ. w. lego, intelligo, ſind im Präſens aller vier Conjugationen kurz, lang ſind

rado, vado, labi, dagegen labare kurz

rodo ferner pedo. Dagegen iſt der Wurzelvokal i und u in der 3. Conjugation lang, ausgenommen

a) in den Wörtern auf jo, no, fugio, lino, sino, ferner b) bibere. Anmerkung. Es verſteht ſich von ſelber, daß das i in incipio, in icio(jacio) und concutio (quatio) kein radikales i und u iſt und deßhalb nicht lang ſein kann.

Dagegen iſt das radikale i und u in den übrigen Conjugationen kurz, außer in denen der zweiten, die im Perfekt. auf si ausgehen. Alſo:

nubo, cupio fido, lino, timeo, rideo.

Steht der Wurzel-Vokal i und u vor einem andern Vokal, dann muß er kurz werden mit

Ausnahme von fio. Die ältere Latinität ſprach außerdem wahrſcheinlich ein langes u in pluo,

gruo oder vielmehr pluvo, gruvo, denn es ſteht die letztere Formation und Proſodie wenigſtens für's Perfekt feſt. Beiſpiele: ruvi, acuvi, arguvi. ¹)

Einiges über die Bedeutung der Conjugation.

In der 3. Conjugation giebt es kein einziges von einem Nomen ausgehendes Verbum, wenn wir von den auf escere ausgehenden Wörtern abſehen. Auch die Wörter der 2. ſind im Ganzen echte Radicalia und im Ganzen nur wenig von Nominal-Stämmen abgeleitet, z. B. albere, poeni- tere. Sie haben die Eigenthümlichkeit, daß ſie mit wenigen Ausnahmen nicht eine Thätigkeit, ſondern einen Zuſtand bezeichnen, was bei denen der 3. nicht der Fall iſt. Denn auch die Intranſitiva der 3. z. B. vadere, bezeichnen, wenn auch keine Action, ſo doch eine Bewegung, die der Action ver⸗ wandt iſt. Aber die Intranſitiva der 2. bezeichnen Eigenſchaften der Farbe, Wärme und Kälte, des Dicken und Dünnen, Harten und Weichen. 1

Virere grün ſein, candere weiß ſein, hebere ſtumpf ſein, acere ſcharf ſein, torpere ſtarr ſein, stupere ebendaſſelbe, dolere, gaudere, vigere und nitere, 6 Es haben dieſe Wörter eine gewiſſe Aehnlichkeit mit dem Perfekt des Griechiſchen im Paſſiv,

)) Vergl. Struve pag. 166.