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auf dem hiesigen Gymnasium vorgebildet, nach absolvierten Studien in die hiesige Austalt als Lehrer eingetreten und hat 45 Jahre an derselben ununterbrochen gewirkt. Ja noch mehr, er hat dieselben Unterrichtsgegenstände vom ersten bis zum letzten Tage behalten und dieselbe Klasse von Anfang bis zu Ende mit derselben Hingabe und Gewissenhaftig- keit als Ordinarius geführt. Ist das nicht etwas Seltenes und in hohem Grade Merkwür- diges, zumal bei einem Manne, dessen Befähigung, Bildung und Gelehrsamkeit ihn be- rechtigt hätte, eine Stellung zu suchen, die ihm einen grösseren Wirkungskreis, mehr Ehre, mehr äussere Vorteile gebracht haben würde? Er hat darauf verzichtet und damit dar- gethan, dass ihm das hiesige Gymnasium, sein hiesiger Wirkungskreis über alles wert gewesen.
Wenn es daher jetzt die Rücksicht auf seine abnehmende körperliche Kraft rätlich macht abzutreten, so thut er das, wie ich weiss, nicht ohne tiefen Schmerz und das heutige Fest ist kein Freudenfest für ihn. Er scheidet nicht aus einer Stelle, die ihm gleichgültig geworden, er wirft den Beruf nicht ab, wie eine Last, die ihm zu schwer gewesen; er ist auch geistig nicht so erschöpft, dass ihm deswegen ein weiteres Wirken unmöglich wäre; aber seine Gewissenhaftigkeit leidet nicht, dass er in einem Dienste bleibt, den er nicht nach allen Richtungen hin mit der Rüstigkeit wie früher zu erfüllen im Stande ist. Eben- so wie für ihn selbst ist für die Schule und speziell für mich, der sie leitet, sein Scheiden in hohem Grade schmerzlich. Er ist immer eine Zierde der Anstalt, eine Zierde seines Standes gewesen, eine Säule, an die sich andere anlehnen, eine Stütze für die wechseln- den Direktoren, auf die sie sich unter allen Umständen verlassen konnten. Er hat dem hiesigen Gymnasium seinen Ruf zu erhalten und den eigentümlichen Charakter, der in besonders gründlicher Pflege des Studiums der alten Sprachen bestand, zu bewahren ge- sucht. Sein Scheiden ist also ein kaum zu ersetzender Verlust und schlägt Wunden, die wir noch lange aufs schmerzlichste empfinden werden.
Doch diesen traurigen Gedanken halten andre erfreulichere die Wage. Die heutige Feier hat doch auch ihre schöne, erhebende Seite; der heutige Tag ist, wenn nicht ein Freuden-, so doch ein Ehren- und in vieler Beziehung ein Glückstag für den Scheidenden zu nennen. Oder ist es nicht ein Glick und eine Ehre, dass er auf den ganzen Verlauf sei- nes Lebens mit einer Befriedigung wie wenige zurückblicken kann? Wie er mit einer Sicherheit, die jedes Schwanken ausschloss, den seinen Gaben entsprechenden Beruf er- kannte und wühlte; wie er als Lehrer mit der Ueberlegenheit eines Meisters von vornhe- rein Stoff und Methode beherrschte; wie er von Anfang an sich klar darüber war, dass nur in der Beschränkung und von einem Punkte aus, auf dem man unerschütterlich fest steht, eine weitreichende Wirksamkeit möglich ist; wie er auf diese Art alle Schwierigkeiten leicht überwand und durch Festigkeit und Ruhe vor vielen Missgriffen bewahrt blieb. Ist er nicht zu beneiden um das Bewusstsein, dass er kein Lohndiener in seinem Beruf ge- wesen, dass er alle Mühen und Beschwerden desselben willig übernommen, dass er ganz in seinem Amte aufgegangen, ohne sich durch Ansprüche und Genüsse des äüusseren Le- bens zerstreuen, oder durch Lieblingsbeschäftigungen welcher Art auch immer abziehen zu lassen? Müssen wir ihm nicht alle das echrenvolle Zeugnis geben, dass er in seinem Streben, den höchsten Anforderungen genug zu thun, kein Opfer an Zeit und Mühe ge- scheut hat; dass er jedes ernste Streben gefördert und gern unterstützt hat, weit über die Anforderungen hinaus, die nach dem Gesetz an die Lehrer gestellt werden; dass er mit


