Aufsatz 
Nachrichten über das Leben des Oberschulraths Dr. Joh. Phil. Krebs und seines Sohnes, des Prof. Dr. Rudolf Krebs / E. Bernhardt
Entstehung
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Als das Jahr 1848 den Sturm der Revolution auch in das Nassauer Ländchen brachte und, wie in allen kleinen Städtchen, so auch in Weilburg die politischen Leiden- schaften aufregte, hielt Krebs es für seine Pflicht, mit andern gleichgesinnten ruhigen Beamten und Bürgern zur Aufrechthaltung der Ordnung und des Friedens mitzuwirken. Sein besonnenes Wort und würdiges Auftreten verschaffte ihm bei seinen Mitbürgern Gel- tung und hatte die Folge, dass er in den Gemeinderat der Stadt gewählt wurde, dem er von 1848 bis 1854 angehörte.*)

Später im Jahre 1870 wählte ihn die evangelische Kirchengemeinde in die Ge- meindevertretung. Zu dem Vorstand des Gustav-Adolf-Vereins gehörte er schon vom Jahre 1846 an. Beide Aemter legte er erst 1878 nieder..

Auf kirchlichem wie auf politischem Gebiet war er ein Feind aller Extreme. Wo er zur Mitberatung zugezogen wurde, liess er sich stets von sachlichen Motiven leiten und gab seine Stimme, ohne Ansehn der Person und frei von aller Leidenschaftlichkeit, nach seiner auf gründlicher Erwägung der Verhältnisse gewonnenen Ueberzeugung. Wie er sich dadurch die Achtung in seiner näheren Umgebung erwarb und erhielt, so stieg auch in Folge seiner segensreichen Wirksamkeit an der Schule sein Ansehen im Lande, insbe- sondere bei dem Lehrerstande. Viele der jüngeren Nass. Gymnasiallehrer verdankten ihm den besten Teil ihrer Vorbildung zu philologischen Studien. Ein Zeichen ihrer Verehrung gaben sie ihm dadurch, dass sie ihn im Jahre 1864 bei der Feier des 25jährigen Regie- rungs-Jubiläums Sr. Hoheit des Herzogs Adolf zu ihrem Vertreter wählten, um eine Adresse des Lehrerstandes zu überreichen.

So sehr ihn solche Zeichen der Anerkennung seiner Verdienste freuten, so wenig lag es in seiner Art, sich irgendwo vorzudrängen. Er huldigte eher dem Grundsatz 19½ Suαασασ und lebte stille seiner Familie und den Pflichten seines Berufs. Nach dem Tode des Direktors Metzler wirkte er noch unter zwei Direktoren fort, 17 Jahre unter Schmitt und ein halbes Jahr unter mir, der ihm früher schon als Schüler und in den Jahren 1844 und 45 als Kollege nahe gestanden hatte. Seine Stellung und seine Lehrer- thätigkeit ünderte sich während der Zeit nicht; er war vom Herbst 1858 an erster Pro- fessor, nach der Annexion erster Oberlehrer des Gymnasiums und behielt das Ordinariat der Sekunda und den alt-sprachlichen Unterricht in dieser Klasse, sowie zum Teil in der Prima bis zu seinem Rücktritt. Dieser erfolgte zu Ostern 1876. Gern hätte er noch lünger seine gewohnte Wirksamkeit fortgesetzt, schwer wurde ihm das Gesuch um Pen- sionierung; gern hätte auch ich ihn noch länger an meiner Seite arbeiten sehen, denn er war mir eine treue Stütze und erfahrener, wohlwollender Berater, aber er hatte schon das 72. Lebensjahr erreicht und 45 Jahre sein mühevolles Amt verwaltet. In Folge des war seine sonst ungewöhnlich starke Körperkraft, wenn nicht aufgerieben, so doch angegriffen. Bei der Abschiedsfeier**) entliess ich ihn mit folgenden Worten, die als ein Ausdruck der Gedanken, die der Rückblick auf sein Leben in mir erweckte, hier einen Platz finden mögen:

Es ist ein seltenes Fest, das wir heute begehen. Es gilt einem Manne, der mit seinem ganzen Leben und Wirken unserem Gymnasium und der hiesigen Stadt, wie nicht leicht ein anderer, angehört. Er ist hier vor 72 Jahren geboren, er ist hier aufgewachsen,

*) Im Jahre 1854 verloren die Nassauischen Staatsdiener wieder das Recht, Gemeindeämter zu be- kleiden. .**) Siehe darüber das Programm von 1875/76.