Aufsatz 
Naturwissenschaft, Glaube, Schule / von J. Berger
Entstehung
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die Mutter des Fortſchritts. Das Streben nach Klarheit im Unter⸗ richt artet, wie ſchon angedeutet, allzuhäufig in eine Sucht aus, dem Schüler alles ſo fein als möglich präparirt entgegenzubringen; ſelbſt das Zugreifen möchten wir ihm erſparen. Es bedarf dies keines Beweiſes ebenſo wenig, daß hierdurch die Denkfaulheit be⸗ fördert wird, der junge Mann kaum zum Bewußtſein ſeiner geiſtigen Kraft, nie zur Selbſtändigkeit kommt. Gegen den andern: »Non multa, sed multum:«Eines recht wiſſen und ausüben gibt, wie Göthe ſagt,höhere Bildung, als Halbheit in Hundert⸗ fältigem.¹) Wir verrücken, wie mir ſcheint, allzuhäufig den leiten⸗ den Geſichtspunkt. Das Ziel der Schule ſoll ſein: Heranbildung zu ſittlicher und geiſtiger Selbſtändigkeit. Die als Mittel dienen⸗ den Unterrichtsgegenſtände ſollen der Art ſein, daß ſie zugleich ſo viel als möglich für den ſpäteren Beruf Brauchbares geben. Indem man nun das eigentliche Ziel fallen läßt, wird dieſe unterge⸗ ordnete Brauchbarkeit an ſeine Stelle geſetzt; ſtatt aus dem für die Zukunft Brauchbaren das Tauglichſte zu wählen, iſt

Schüler von ungefähr gleicher Bildungsſtufe dieſelbe Aufgabe vor, z. B. eine ihnen unbekannte ſchwierige Stelle zzu überſetzen; ich beſorge, der Deutſche wird entweder in blöder Verlegenheit ſein, oder ſich mit der Antwort über⸗ eilen, und, ſchnell fertig mit dem Wort, in's Blaue ſchwatzen, der Eng⸗ länder wird ſich die Stelle mit mehr Ruhe betrachten, weder ängſtlich noch übereilt erſcheinen, und entweder mit Beſtimmtheit ſein Unvermögen aus⸗ ſprechen, oder trotz ſeines vielleicht beſchränkten Wiſſens eine beſſere Ant⸗ wort geben; er wird den Mund nicht eher aufthun, als bis er wirklich Antwort zu geben weiß. Mir dünkt, man bedenkt es auf deutſchen Schulen noch zu wenig, daß der Lehrer durch Fragen ſchweigen lehren ſoll.

Um dieſer Beſonnenheit willen, zu der man in Eugland jede Unter⸗ weiſung als ein Mittel benutzt, erträgt man daſelbſt auch den Vorwurf der Beſchränktheit in den Unterrichtsmitteln leicht; man hat die Zuverſicht, daß die Sicherheit in Einem und die dadurch gewonnene Haltung des Geiſtes überhaupt, dem jungen Menſchen in der Zeit ſeiner reiferen Ent⸗ wicklung und Selbſtbeſtimmung Blick und Urtheil für alles andere geben werden, dem er ſich dann felbſtändig zuwenden möge.

¹) In uno habitandum, in ceteris versandum. Yusquam est qui ubique est.(Fr. A. Wolf.)