Aufsatz 
Naturwissenschaft, Glaube, Schule / von J. Berger
Entstehung
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tritt der Glaube als ſolcher zurück oder verwandelt ſich viel⸗ mehr in Wiſſen. In dem Augenblicke, wo die Wiſſenſchaft an dem Ziele angelangt wäre, würde der Glaube vollſtändig in Wiſſen umgewandelt ſein. Ich brauche nun wohl nicht zu erwähnen, daß es bis jetzt kaum einem vernünftigen Sterblichen eingefallen iſt, die Löſung dieſer Aufgabe der Naturwiſſenſchaft geradezu für möglich zu halten.Die Complication des Problems und die Unermeß⸗ lichkeit des Kosmos, ſagt A. v. Humboldt, vereiteln faſt die Hoffnung dazu. Und wäre ſie vollkommen möglich, ſo erſcheint der Gedanke unmöglich, daß es irgend einen Gläubigen gäbe, der dies nicht mit Freuden begrüßte. Die Sehnſucht nach Wahrheit iſt erſte und gemeinſame Urſache des Glaubens und der Wiſſen⸗ ſchaft. Die Hoffnung auf Erfüllung dieſer Sehnſucht hat die Märtyrer des Glaubens und der Wiſſenſchaft beſeelt, und wenn der eine freudig in den Tod ging, ſo war es dieſelbe Urſache, die den andern bewog, noch um einige Tage ſeines Lebens zu bitten.

Weit entfernt von jenem gemeinſamen End⸗ und Zielpunkte, ſtehen Glaube und Wiſſen alſo einander gegenüber. Und ſo wie die entgegengeſetzten Pole zweier Magnete einander anziehen, wie poſitive und negative Elektricität ſich vereinigen, wie durch die ganze unorganiſche und organiſche Natur die Gegenſätze des Gleich⸗ artigen in Freundſchaft und Liebe ſich verbinden; ſo vereinigen ſich auf dem Gebiete des Geiſtes Glaube und Wiſſen zu dem, was die Völker aller Zeiten und Länder bewegt, ſo vereinigen ſich bei allen Völkern Glauben und Naturerkenntniß zur Erkenntniß ihrer Gottheit. Kein Wunder daher, daß neben anderen auch die Naturwiſſenſchaften in den Klöſtern gefördert wurden; kein Wunder, daß ein Kepler von der Theologie zur Naturwiſſenſchaft über⸗ gehend dabei eine tiefe Religioſität bewahrte, daß ein Koperni⸗ kus, nachdem er Medizin und Aſtronomie eifrig gepflegthatte, in ſeinem 30. Jahre in den Prieſterſtand eintrat und ein eben ſo eifriger Prieſter als großer Naturforſcher war, daß Newton, der Held der Wiſſen⸗ ſchaft, ſich in das Studium der Bibel vertiefte; kein Wunder, daß heut⸗ zutage Naturwiſſenſchaft und Religion einander ſo nahe berühren;