VII. Die Phäaken.
Odysseus hat sich mit vieler Mühe aus dem ihm von Poseidon gesendeten Sturme an's Land der Phäaken gerettet und ist dort in der Nähe eines Stromes, von Bäumen und Laub bedeckt und beschützt, fest eingeschlafen. Athene fügt es durch eine Traumerscheinung, dass am nächsten Tage Nausikaa, des Königs Alkinoos Tochter, mit ihren Mägden zur Stelle fährt, Gewande wascht, spielt und den durch's Geschrei ihrer Freundinnen aufgeweckten, sie anflehenden Fremdling freundlich nach ihres Vaters HIause weist. Dort wird der Held gütig aufgenommen, das Heimgeleite ihm zugesagt, und nachdem eine bei der Darlegung der gymnastischen Künste der Phäaken ihm zugefügte Be- leidigung rasch wieder gut gemacht ist, auch er selbst in ausführlicher Weise seine Abenteuer erzählt hat, trägt ihn ein Phäakenschiff in kürzester Frist nach Ithaka, wo er schlafend ausgesetzt wird. Das Schiff aber wird auf der Rückfahrt im Anblick des heimatlichen Hafens von Poseidon versteinert. So weit Od..—*, 187 dem Hauptinhalte nach.— Diese letzte Station, zu der der vielumgetriebene Dulder vor der Rückkehr nach dem geliebten Ithaka gelangt, erscheint von dem Dichter absichtlich in eine dämmerhafte Beleuchtung gerückt¹). Odysseus gelangt unwissend zu jenen Glücklichen und scheidet schlafend von ihnen, die weit getrennt von den Sterblichen wohnen(C 205), von den Göttern geliebt(C 203) und öfter von ihnen besucht sind(“) 201 ff.). Der Palast des Königs, den Odysseus staunend betrachtet, ist ein wahres Wunderwerk, ganz besonders die zu beiden Seiten des Thors wachenden, von Hephästos gearbeiteten, goldenen und silbernen Hunde:„unsterblich waren sie und alterlos alle Tage“; ²) s.* 91— 95. Die Schiffe der Phäaken sind*) 36 ⁴xαεα σα 1τιεοιυ ⁷ννι vönμα ja noch mehr, sie haben Verstand ³) und sehr respektable geographische und nautische Kenntnisse(dϑ 259 ff.). Die Schnelligkeit des den Odysseus tragenden Schiffes ist dann wirklich eine ungewöhnliche( 86 ff.); sicher erreicht es sein Ziel, aber bei der Heimfahrt erfüllt sich ein alter Götterspruch und mit der Versteinerung des Schiffes4⁴) und der Ummauerung der Stadt durch Poseidon sind die überlebenden Phäaken von dem Verkehr mit der übrigen Welt nun ganz abgeschlossen. Vergegenwärtigen wir uns noch den an Birn-, Granat-, Aepfel-, Feigen- und Oelbäumen(“) 114 ff.) fast überreichen Garten des Alkinoos⁵), die von dem Dichter mehrfach betonte Leichtlebigkeit und Sorglosigkeit des Schiffervölkehens, die eine Seligkeit auf Erden genannt werden kann, so müssen wir sagen, dass der Charakter von Insel und Volk ein von dem der gewöhnlichen Städte und Menschen durchaus abweichender, gewissermassen in eine höhere Stimmung gerückter sei. Darum hat denn auch Gerland ⁴), anknüpfend an die Erzählung vom Brahmanen Saktideva in Somadeva's Märchen- strömen(Ed. Brockhaus S. 131 der Uebers.), wohl mit Recht die Phäaken mit den in der indischen Sage so populären VidyAadharas identificirt. Diese bilden mit Vetâlas, Râkshasas, Gandarvas und Apsarasas, so verschieden diese Einzelnen aufzufassen sind, jene dem Volksaberglauben so unbe- schreiblich interessante Klasse von Wesen, die, zwar nicht selbst Götter, doch in starkem Verkehr mit den Göttern und natürlich dann auch im Besitz übermenschlicher Schönheit, Weisheit und Kraft
¹) Krichenbauer, Die Irrfahrt des Odysseus S. 97 ff. hält Tenerifa(!) für das homerische Scheria.
²) Also lebend. Ein echter Märchenzug.
²) Dieses selbstündige Wissen der Schiffe, das auch ein Denken subsumiren lüsst, ist rein märchenhaft. Eine merkwürdige noch nicht genug beachtete Stelle ist ferner 63, 64, wo die Schiffe sich nicht von der Stelle bewegen, bis der Name jedes der von den Kikonen getödeten Geführten dreimal gerufen worden ist. Aehnlich werden in der mongolischen Sage die Prallfelsen als denkend eingeführt(s. Jülg a. a. O. S. 64). Vgl. auch: Plankten.
4) Ein deutlicher Anklang davon in dem kallipolitanischen M.»Die Schönste«(bei B. Schmidt Nr. 10).
⁵) Ueber Nachahmungen dieser Gartenbeschreibung s. Rohde, Der griech. Roman. S. 512.
6) Altgriech. Mürchen in der Odyssee. Magdeburg. 1869.
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