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mer den groͤßten Tadel, daß viele Deutſche nur allzuoft in der Ueberſchaͤtzung des fremden Idioms bis zur Verachtung des eignen ſich verirrten und noch ver⸗ irren. Wie hoch auch immer der Werth anderer Sprachen, zumal der antiken — und gewiß verdienen dieſe die groͤßte Achtung und Wuͤrdigung— angeſchlagen wer⸗ den mag, ſo hoch ſoll und kann ſie der Deuiſche nimmer ſtellen, daß er neben ihnen ſeine eigne Mutterſprache verachtete. Auch wird er es nie thun, wenn er mit gehoͤriger Sachkenntniß und Unbefangenheit eine Vergleichung der verſchiedenen Sprachgebilde anſtellt. Je tiefer in das Weſen, in den Organismus der deutſchen Sprache ein⸗ gedrungen, je genauer ihr geiſtiger Gehalt, ihre geiſtige Tiefe erforſcht wird, deſto mehr gewinnt ſie an Achtung, deſto mehr zeigt es ſich, daß ſie vollkommen werth iſt, eine ehrenvolle Stelle neben den antiken einzunehmen. Jene Verachtung, mit der beſonders einſeitige Philologen unſere Mutterſprache behandelten, jene Schimpf⸗ namen, mit denen ſie dieſelbe ſogar belegten, koͤnnen nur aus einer Zeit ſtam⸗ men, in der ein vergleichendes Sprachſtudium, wodurch allein der verhaͤltnißmaͤ⸗ ßige Werth der Sprachen unter einander genau beſtimmt werden kann, noch kaum gekannt war, in der uͤberhaupt an ein tieferes Eindringen in die Sprache noch nicht gedacht wurde. Denn ſelbſt die lateiniſche Sprache, die doch damals hauptſaͤchlich betrieben wurde, faßte man blos in ihrer aͤußern Erſchei⸗ nung, in ihren aͤußern Formen auf. Die herrlichſten antiken Schriftwerke gal⸗ ten nur fuͤr Buͤcher, aus denen ſich grammatiſche Regeln*) buchſtabiren ließen. Obgleich dieſe duͤrre, geiſtloſe Behandlungsweiſe der antiken Sprachen gegenwaͤr⸗ tig im Allgemeinen einer tiefern, lebensvolleren gewichen iſt; ſo ſcheinen doch manche Schulleute dem gewohnten Schlendrian noch nicht entſagen zu wollen.
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*) Daß die grammatiſche Interpretation bei der Lektuͤre der alten Klaſſiker durchaus nothwen⸗ dig ſei, verſteht ſich von ſelbſt; allein daß ſie ein durchaus unzureichendes Mittel ſei, um in die Denk⸗ und Fuͤhlsweiſe der antiken Welt einzufuͤhren, verſteht ſich ebenſo ſehr von ſelbſt. Ich bin deßhalb weder der Meinung, daß man nach Jacotot'ſchen, Hamiltonſchen oder nach noch verruͤckteren Grundſaͤtzen in das Heiligthum der alten Sprachen ein Rad ſchlagen koͤnne, noch auch der Meinung, welche ein Philologe in Jahn’s Jahrb. 9r Band, 28 Heft, aus⸗ ſpricht, indem er behauptet, daß es der Grammatik gegeben ſei, in den Sinn und den Geiſt der großen Alten einzufuͤhren. Ein anderer Philologe(Reuſcher) hat, ebenfalls in Jahns Jahrbuͤchern, das richtige Verhaͤltniß der Grammatik zu den Klaſſikern ausgeſprochen— ob⸗ gleich auch er kaum einige Zeilen weiter behauptet: Nichts ohne die Grammatik, Alles mit ihr muͤſſe Loſungswort jedes Primanerlehrers ſein— mit den Worten:„die Grammatik iſt der Vorhof zum Allerheiligſten des Alterthums.“ Aber der Primanerlehrer ſoll doch ſeine Schuͤler nicht bloß in den Vorhof des Allerheiligſten ſtellen, um ſie ganz erbaͤrmlich frieren zu laſſenz er ſoll ſie auch in die erwaͤrmenden und belebenden Sonnenſtrahlen des griechiſchen und romi⸗ ſchen Geiſtes fuͤhren, damit ſie ſich an denſelben naͤhren und erquicken, ſoweit ſie es an der Hand eines geſchickten Fuͤhrers vermoͤgen Zu ſolcher Fuͤhrung gehoͤrt aber mehr, als die Kenntniß der Grammatik, des Viger ſammt den Noten von Hermann u. dergl.— Eine gruͤndliche Be⸗ antwortung der Fragen: Was kann von den Sprachen durch grammatiſche Kategorien erkannt werden? wuͤrde zeigen, wie unzuläͤnglich die bloß grammatiſche Interpretation ſei.—


