Aufsatz 
Über die deutsche Sprache, mit besonderer Rücksicht auf das Verhältnis ihres Rhythmusprinzipes zu dem antiken
Entstehung
Einzelbild herunterladen

17

Sinn, der ſich ſchon, wie oben gezeigt wurde, in der Art ihres Rhythmus kund gibt. Weden dieſer Tiefe des Sinnes iſt ſie nicht die Sprache des flachen, ſeich⸗ ten Kopfes; ſie oͤffnet nur dem Forſcher, dem Denker ihre Schaͤtze und gibt ihm den Faden zum Einſteigen in das innerſte Heiligthum des Menſchen in die Hand. Sie iſt nicht die Sprache des Gefuͤhlloſen; ihm biegt ſie ſich nicht; aber in der Hand des Gefuͤhlvollen nimmt ſie, dem Wachſe vergleichbar, jede Bildſamkeit an. Sie iſt reich und mannichfaltig in Wendungen und im Ausdruck, hehr in urkraͤf⸗ tiger Eigenthuͤmlichkeit und in edelſter Einfalt. Ihre Kraft und Fuͤlle ſetzt den Deutſchen in den Stand, ſeinen inneren Gemuͤthszuſtand vollſtaͤndig zu bezeichnen, ohne daß er dabei zu Uebertreibungen im Ausdruck ſeine Zuflucht nehmen muͤßte, wie diß oft in ſolchen Sprachen, die arm an Ausdruͤcken ſind, der Fall iſt. Dieſe ſehen ſich zu Uebertreibungen genothigt, gleich Malern, die ſtarke und grelle Farbe auftragen, weil ſie die ſanften Abſchattungen der Natur nicht darzuſtellen vermoͤgen. Wenn jedoch auch zuweilen deutſche Schriftſteller ſich ſolcher Ueber⸗ treibungen im Ausdrucke bedienen, ſo geſchieht es aus Flachheit und Armuth an Gedanken, aus Unkenntniß ihrer eigenen Mutterſprache. Durch ſie kommen daher ſeltene und edle Worte,dieſe koſtbaren Schaumuͤnzen der Rede, in den Alltags⸗ gebrauch und werden gleich Rechenpfennigen im Spiel von den gemeinſten und leerſten Koͤpfen zur Bezeichnung der gewoͤhnlichſten Dinge ausgegeben.

Es iſt allgemein bekannt, daß von allen Nationen keine mehr Zeit und Muͤhe auf das Studium anderer Sprachen verwendet, als die Deutſche. Diß gereicht ihr, was durchaus nicht verkannt werden darf, ſowol zu großem Nutzen, als auch zu beſonderer Ehre. Je mehr wir uns mit andern Sprachen bekannt machen, je tiefer wir in das Weſen ihres Organismus eindringen, deſto groͤßere Einſichten erlangen wir in dem Organismus der Sprache uͤberhaupt und damit auch unſerer eigenen Mutterſprache. Das Studium fremder Sprachen ſetzt uns in den Stand, unſere Mutterſprache mit ihnen zu vergleichen und ihre Eigenthuͤmlich⸗ keiten und Schoͤnheiten deſto beſſer einſehen zu lernen; und gewiß wird Jeder, der mit Einſicht und Umſicht eine Vergleichung angeſtellt hat, wenn auch in etwas anderm Sinn, mit in die Worte einſtimmen, die ein geiſtvoller Ritter des Mittel⸗ alters, nachdem er viele Laͤnder Europas und Aſiens auf ſeinen Reiſen beſucht hatte, unter Deutſchen ſang:

Die deutſche Zucht hat mir vor allen Den fremden Sitten wol gefallen; Und das war meiner Reiſen Frucht, Daß mir gefiel die deutſche Zucht.

Es iſt gewiß ein Zeichen von dem tiefen Sinne, der in der deutſchen Na⸗ tion wohnet und ſie durchweht, daß ſie nicht mit Verachtung und Geringſchaͤtzung auf das Fremde hinabſieht, vielmehr das Gute, wo es ſich nur findet, zu wuͤr⸗ digen und zu ihrem eigenen Nutzen zu verwenden ſucht: aber das Detbient im⸗