14
der einen Seite mit dem ſubjectivſten Spiel der Empfindungen, der Muſik— Auα— in Verbindung tritt, die charakteriſtiſche Dichtungsart der modernen Poeſie; und an die Stelle der antiken Epopee, welche allſeitig, beziehungslos iſt und eine Welt in ſich begreift, tritt in der modernen Poeſie der Roman, welcher einſeitig und durchaus ſubjectiven Ruͤckſichten unterworfen iſt. 1
Der Gegenſatz der Objetivitaͤt und Subjectivitaͤt der Gegenſtaͤndlichkeit und Innerlichkeit, wie er zwiſchen antiker und moderner Weltanſchauung uͤberhaupt und antiker und moderner Poeſie im beſondern Statt findet, hat ſich nun auch, wie bereits oben geſagt wurde, in dem antik⸗poetiſchen und dem deutſchen Rhythmusprinzipe ausgepraͤgt. Der antik⸗poetiſche Rhythmus iſt rein objectiv, rein gegenſtaͤndlich; denn er beruht auf dem aͤußern gegenſtaͤndlichen Momente des Wortes, auf der aͤußern, gegenſtaͤndlichen Erſcheinung desſelben. Der deutſche Rhythmus iſt ſubjectiv, innerlich; denn er beruht auf dem innern, gei⸗ ſtigen Momente des Wortes. Griechen und Roͤmer behandeln die außere, ob⸗ jective Form des Wortes, den Koͤrper des Gedankens, kuͤnſtleriſch, die Deutſchen den geiſtigen Gehalt, den Gedanken ſelber. Bei jenem bildet der aͤußere, dem Ohre vernehmbare, verkoͤrperlichte, bei dieſen der innere nur dem Subjecte ſelbſt wahrnehmbare Ton die Grundlage des Rhythmus. Daher gibt in dem antik⸗ poetiſchen Rhythmus das Verhaͤltniß der Koͤrpermaſſen, in dem deutſchen das Verhaͤltniß der Gedanken, die Anordnung der Ideen die Bewegung. Die Be⸗ wegung des antiken Rhythmus druͤckt die wechſelnde Stimmung der Empfindun⸗ gen, die des deutſchen das wechſelnde Verhaͤltniß der Gedanken aus. Bei jener „ſchimmert der Gedanke nur von fern durch, iſt gleichſam Verſchwendung“ weß⸗ halb ſie ſich der Muſik inſofern naͤhert, als dieſe ebenfalls mit Höͤhen und Tie⸗ fen des Tones ſpielt, um die Bewegung der Gefuͤhle zu bezeichnen, ohne jedoch die Gefuͤhle in Worte, in bezeichnende Begriffe zu fasſen; bei dieſer ſpricht ſich immer die Wichtigkeit des Gedankens aus. Die Schoͤnheit des antiken Rhythmus iſt ſonach eine formell⸗ſinnliche, auch ohne Kenntniß des Wortſinnes wahrnehmbare, die des deut⸗ ſchen eine innere, geiſtige, und nur durch den innern Sinn erſchlosſene. An formell⸗ſinn⸗ licher Schoͤnheit des Rhythmus ſteht daher die deutſche Sprache den antiken weit nach; an innerer geiſtiger Schoͤnheit uͤbertrifft ſie dieſelbe. Beide Rhyth⸗ musprinzien ergaͤnzen ſich gegenſeitig und der Vorzug, der dem einen vor dem andern zugeſprochen wird, kann deßhalb nur ein relativer ſein.— Von dem an⸗ tiken zu dem germaniſchen iſt ein und derſelbe Fortſchritt wahrzunehmen, der von antiker zu moderner Weltanſchauung hervortritt.——
Einen kleinen, wenn auch nur kleinen, Erſatz fuͤr die unſerer Mutterſprache verſagte formell⸗ſinnliche Schoͤnheit des antiken Rhythmus hat dieſelbe in dem Reim, welcher den alten Sprachen mangelt. Der Reim iſt das„Materielle, Ruhende und Schließende“ in der Organiſation des Versbaues, gibt aber außer⸗ dem auch den Gedichten durch die korreſpondirenden Klaͤnge eine gewiſſe An⸗ muth. Mag dieſe Anmuth auch immerhin nur eine dienende und nicht mit der


