Aufsatz 
Über die deutsche Sprache, mit besonderer Rücksicht auf das Verhältnis ihres Rhythmusprinzipes zu dem antiken
Entstehung
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Versfuͤßen die proſaiſche Wortfolge nur wenig umgeändert zu werden. Der Rhythmus der Verscompoſitionen unterſcheidet ſich naͤmlich nur dadurch von dem Rhythmus der proſaiſchen Rede, daß er in proportionalen Verhaͤltniſſen ſich bewegt, um der Kunſt gemaͤß auch das Ohr zu befriedigen. Der Sylben⸗ tanz der deutſchen Gedichte beſteht daher ausimmer wiederkehrenden und ſich rundenden Bahnen oder Reihen, deren Taktſchritt ſich dem innern Sinne anſchließen muß, wie des Muſikers Takt ſich dem Wellenſchlage des Gefuͤhls anſchließt.

5 Gehen wir nun zu einer Vergleichung der Rhythmen der deutſchen und der antiken Sprachen uͤber, ſo zeigt ſich zuerſt, daß das deutſche Rhythmusprin⸗ zip mit dem proſaiſchen Betonungsſyſtem der antiken Sprachen verwandt iſt, da ſowol in jenem, als in dieſem die Wichtigkeit der Stammſylben aner⸗ kannt und durch den Accent hervorgehoben wird. Aber ſie ſind nur ver⸗ wandt; in den antiken Sprachen werden die Stammſylben betont, weil ſie ety⸗ mologiſch-grammatikaliſche Bedeutſamkeit haben; in der deutſchen, weil ſie gei⸗ ſtige Bedeutſamkeit haben; in jenen werden ſie als Sprachwurzeln, in dieſen als Gedankenwurzeln betrachtet. Die Betonung der Stammſylben iſt alſo in der deutſchen und den antiken Sprachen gleich, der Grund dieſer Betonnung aber verſchieden. Ganz anders aber verhaͤlt es ſich mit dem poetiſchen Rhyth⸗ musprinzip der antiken und dem Rhythmusprincip der deutſchen Sprache. Sie ſind in ihrer Erſcheinung und in ihrem Grunde verſchieden und zwar findet bei ihnen dieſelbe Verſchidenheit Statt, welche zwiſchen antiker und germaniſcher Weltanſchaung herrſcht.

Es iſt ſchon anderwaͤrts bemerkt worden, daß, wenn man das ganze Le⸗ ben der antiken Welt und ihre Erzeugniſſe mit dem Leben der modernen Welt und ihren Erzeugniſſen vergleiche, ſich dieſelben durchweg wie Gegenſtaͤndlichkeit und Innerlichkeit, wie Objectivitaͤt und Subjectivitaͤt zu einander verhielten. Die Wahrheit dieſer Behauptung bedarf hier keines ausfuͤhrlichen Beweiſes; ſie iſt ſchon von den verſchiedenſten Seiten ausgeſprochen und durchgefuͤhrt worden. Sehr dentlich ſpricht der Gegenſatz von Gegenſtaͤndlichkeit und Innerlichkeit von Objectivitaͤt und Subjectivitaͤt ſich in dem Gebiete der Kunſt, beſonders der Kunſt des Ideellen der Sprache der Poeſie aus. Die antike Kunſt iſt durch⸗ aus plaſtiſch; ſie ſtellt ihre Objecte objectiv dar, denn ſie beruht auf ſinnlich concreter Anſchauung, welche nicht durch Abſtractionen des reflectirenden Ver⸗ ſtandes geſtoͤrt wird; und ſinnliche Anſchauung iſt dieobjectivſte Objectivitaͤt. Als Muſter dieſer Objectivitaͤt ſteht die Kunſt der Griechen da; ihre Poeſie be⸗ wegt ſich in dieſer Objectivitaͤt undarbeitet in ihr als in ihrem Marmor und Erz wahrhaft plaſtiſch. Die Folge von dieſer objectiven Anſchauung iſt, daß von den verſchiedenen Dichtungsarten hauptſaͤchlich des Epops, deſſen Charak⸗ teriſtiſches Organismus einer Begebenheit iſt, verflochten mit einer Handlung, bei den Griechen als Epopee ſeine vollkommene Durchbildung erhielt. Die ho⸗