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Lege solutis; Seu deos etc.
Wir wuͤrden gewiß gern fuͤr die feurige, geſetzloſe dithyrambiſche Poeſte die große Mannichfaltigkeit der griechiſchen Rhythmen vermiſſen.
Die lateiniſche Sprache hat mit der griechiſchen, von der ſie jedoch in rhythmiſcher Beziehung weit uͤbertroffen wird, das zweifache Accentuationsſyſtem, das eine fuͤr die Proſa, das andere fuͤr die Poeſie, gemeinſchaftlich. Zwar galt in ihr vor den puniſchen Kriegen ein dem proſaiſchen der Griechen aͤhnliches und ebenfalls auf der etymologiſch⸗grammatikaliſchen Bedeutſamkeit der Sylben beruhendes etonunzofyſtein fuͤr Proſa und Poeſie: allein nach jener Zeit nahm ſie, von griechiſcher Cultur beherrſcht, das griechiſche Quantitaͤtsprincip fuͤr die Poeſie an. In den aͤlteſten lateiniſchen Gedichten, z. B. im Carmen frarum arvalium findet ſich deßhalb der altitaliſche Wortaccent; wogegen bei den ſpaͤtern Dichtern, namentlich bei den des auguſteiſchen Zeitalters, z. B. bei Horaz, Vir⸗ gil, Ovid die Verſe ſchon in rein griechiſchem Coſtuͤm auftreten. Von Plautus wird, obgleich derſelbe im Allgemeinen das griechiſche Rhythmusprinzip anwendet, zuweilen jener altitaliſche Wortaccent beruͤckſichtigt, wie diß uͤberhaupt von den Komikern geſchah, die den Widerſtreit des Wort⸗ und Versaccentes zu heben ſuchten und ihrer Tendenz nach ſuchen mußten*). Der poetiſche Rhythmus der lateiniſchen Sprache hat ſich ſonach nicht organiſch aus dem ihr eigenthuͤmlichen Geiſte entwickelt, iſt vielmehr aus einer fremden Sprache geradezu in ſie aufge⸗ nommen worden: daher kann er auch nicht die Wirkung haben, welche er in der Sprache hat, aus deren innerſtem Weſen er hervorgegangen, mit der er in Eins verwachſen iſt.„Wunder genug, daß nach bundertjörigen Verſuchen ſo ſchäne, klangvolle Verſe gelingen konnten in einem anfangs fremden Ge⸗ wande!
Da nun, wie in dem Vorhergehenden gezeigt worden iſt, in den beiden antiken Sprachen die Principien der proſaiſchen und poetiſchen Accentuation
*) Das Luſtſpiel war bei den alten Roͤmern ſehr beliebt. Es reicht in die aͤlteſte Zeit hin⸗ auf, in der ſich neben der heiligen Poeſie, worin der ſaturniſche Vers die urſpruͤngliche Form war, eine eigenthuͤmliche Volkspoeſie entwickelte, deren Stoff ein Gemiſch von heitern, luſtigen, ſcherzhaften Erzaͤhlungen, Spott uͤber bekannte Perſonen und daneben weiſen Lebens⸗ regeln war und mit dem Namen Satire bezeichnet wurde. Aus dieſer urſpruͤnglich alt⸗ italiſchen Satire, welche zum Unterſchiede von der ſpaͤtern die dramatiſche genannt wurde, ging die ſogenannte Atellane hervor, eine Art Mime, in der ſcherzhafte Geſchichten im⸗ proviſirt wurden. Wegen dieſer beſondern Reigung zum Luſtſpiel, die bis auf die ſpaͤteſten Zeiten der italiſchen Nation eigenthuͤmlich geblieben iſt, finden die dramatiſch⸗mimiſchen Poeſien der Griechen zuerſt in Italien Eingang. Wie ſehr aber auch allmaͤhlich das griechi⸗ ſche Element die roͤmiſche Poeſie durchdrang und nicht allein in Form, ſondern auch in Inhalt— fabula palliata, f. togata— umzugeſtalten ſtrebte: ſo erhielt ſich doch in den Luſtſpielen mehr oder minder die Geltung des genannten altitaliſchen Wortaccentes.


