9
entſprechende kurze zu ſetzen; eine Freiheit, die von den lyriſchen Dichtern in der groͤßten Ausdehnung angewendet wurde, wodurch ihre Verscompoſitionen eine außerordentliche Mannichfaltigkeit und Kuͤhnheit in dem Baue der Rhythmen er⸗ hielten. In dieſer außerordentlichen Mannichfaltigkeit des Rhythmus liegt einer⸗ ſeits die bewunderungswuͤrdige Formſchoͤnheit ſolcher Gedichte, andererſeits aber auch die Schwierigkeit, dieſe Schoͤnheit in ihrer Totalitaͤt zu erfaſſen, und es laͤßt ſich gewiß mit Sicherheit behaupten, daß nur ſehr wenige Leſer der pinda⸗ riſchen Hymnen und der Choͤre der Tragiker den Rhythmus derſelben in ſeiner All⸗ ſchoͤne fuͤhlen; es iſt in der Regel nur die Schoͤnheit einzelner Theile, die den Lefer ergoͤtzt. Sogar bei den Griechen waͤre es fuͤr ein nicht ſehr geuͤbtes Ohr ſchwer geweſen, den Rhythmus eines ganzen Syſtema— Strophe, Antiſtrophe und Epodos— in ſeinem ganzen Umfange zu erfasſen, wenn nicht Tanz und Geſang denſelben begleitet haͤtten. Die Hymnen und Choͤre wurden näͤmlich oͤffentlich aufgefuͤhrt, und der Hoͤrer war zu gleicher Zeit Zuſchauer. Bei der Strophe bewegten ſich die Saͤnger des halben Reigens in rhythmiſchem Schritt von der Rechten zur Linken bis in die Mitte der Buͤhne; bei der Gegenſtrophe ging die andere Haͤlfte des Chores, ebenfalls in rhythmiſchem Schritt von der Linken zur Rechten, bis in die Mitte der Buͤhne; dann ſang der geſammte Chor in der Mitte der Buͤhne den Epodos— qroua oꝓs πασν˙οον, ſagt Euripides Eaß. 1271—. Strophe und Gegenſtrophe bewegten ſich in gleichem Rhythmus(œroriuara es dεουν zara*ν&εασν)— einzelne, vielleicht aus der Unſicherheit der Lesarten entſpringende Ausnahuten abgerechnet—; da⸗ gegen wich in dem Epodos der Rhythmus von dem der Strophe und Antiſtrophe ab und geſtaltete ſich, nach fein empfundener Wahl, zu groͤßerer Mannichfaltig⸗ keit, um mit jenen einen deſto harmoniſcheren Haupttheil des Ganzen zu bilden. Auf ſolche Weiſe wurde der Rhythmus des Gedichtes durch Geſang und Tanz unterſtuͤtzt. In den freien Chorgeſaͤngen(cvortuara drποαεανμενα) findet ſich ſchon die Ungebundenheit der Dithyramben, in denen der Dichter, vom Strome der Begeiſterung hingerisſen, keinem Geſetze des Rhythmus, ſondern nur der ge⸗ fluͤgelten Leidenſchaft folgt.„Die Begeiſterung kennt kein Geſetz, aber ihre Art zu handeln wird Geſetz.“ Schade, daß uns die Griechen keine Muſter der di⸗ thyrambiſchen Poeſie hinterlasſen haben, da auch die Dityramben des Pindar verloren gegangen ſind, von dem Horaz lib. IV. Od. II. ſo ſchoͤn ſingt:
Monte decurrens velut amnis, imbres Quem super notas aluere ripas, Fervet immensusque ruit profundo Pindarus ore,
Laurea donandus Apollinari,
Seu per audaces nova dithyrambos Verba devolvit, numerisque fertur
◻


