Aufsatz 
Über die deutsche Sprache, mit besonderer Rücksicht auf das Verhältnis ihres Rhythmusprinzipes zu dem antiken
Entstehung
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ren, noch im Keime ſchlummert, waͤhrend dasſelbe nur aus der es umgebenden bunten mit allem Zauber der Neuheit wirkenden Sinnenwelt, dem Thiere in ſei⸗ nem beſchraͤnkten Thun noch vergleichbar, nur Eindrücken von Außen her, alſo ſinnlichen Eindruͤcken offen ſcheint: erlernt es dennoch ſich ſelber unbewußt, all⸗ maͤhlig die Sprache. Es lernt ſehr bald, ſich verſtaͤndlich machen durch den richtigen Gebrauch der Worte, ja oft ſolcher Worte, welche die abſtracteſten Be⸗ griffe ausdruͤcken, deren Inhalt ihm noch durchaus unfaßbar und unbegreiflich iſt. Wie diß zugehe, wie das Kind ſeine Sprache entwickle, wer vermag es zu erklaͤren, ohne die Annahme der uͤberall waltenden und wirkenden Kraft Gottes, des praesens numen!Saget uns, Ihr, in einem ewigen nur Mehr und Weniger der Nichtigkeit, in einem verweſenden durchaus noch Unbeſtimm⸗ ten, Unendlichen und Allgemeinen, allein Webenden und Waltenden, ſaget uns, Ihr heimlichen Erfinder der Erfindung: wie erfand der Menſch mit dem Worte den Gedanken, mit dem Gedanken das Wort? Wie erfand er es, mit einem Hauche, durch Zungenbewegung, Luft in bedeutende Stimme zu verwandeln; einem Koͤrper dem Gedanken zu verſchaffen, worin er ihn ausſendete, und, ihn mittheilend, ſich ſelbſt darſtellte und erhielt? Wie erfand er in die Luft zu we⸗ ben, daß es daure und uͤberdaure das Feſteſte? Ihr wiſſet es nicht, ſowie Ihr nicht wiſſet, wie zum erſten Saͤugling ein Vater und eine Mutter erfunden wurden.

Bei den Sprachen unterſcheidet man ſolche, die unabhaͤngig von fremden Einfluͤſſen, ſich organiſch nach dem ihnen eingeborenen Sprachgeiſte entwickelt, und ſolche, die ihre Bildung aus verſchiedenen Sprachen gewonnen haben. Jene, Stammſprachen genannt, haben ihre Entwickelung in den aͤlteſten Zeiten begonnen und ſich moͤglichſt frei von Beimiſchung anderer Sprachelemente gehalten; ihre Organiſation iſt daher die reinſte und lebensvollſte. Alles iſt in ihnen Leben, Kraft und Schwung. Man kann faſt von allen ihren Worten die Stammworte nachweiſen und von duftender Wipfelbluͤte des geiſtigen Sinnes zwiſchen glaͤnzen⸗ dem Laube bildlicher Bedeutung zuruͤckgehen auf die ſinnliche Bedeutung und ſo vom Zweige zum Aſte, dann am Stamme hinab bis zur Wurzel gelangen. In ihnen ſind alle Worte voll Lebens, voll lebendiger Bedeutung und Beziehung, voll ſprudelnder Fuͤlle und unerſchoͤpflicher Maunichfaltigkeit; in einem einzigen Worte malt ſich oft die ſchoͤnſte Farbenpracht der Phantaſie. Der Hoͤrer wird bei den bildlichen Ausdruͤcken ſofort an die ſinnliche Bedeutung des Wortes erinnert, wo⸗ durch die Phantaſie, die ſonſt zuweilen den beſonnenen Verſtand in ſeinen Func⸗ tionen ſtoͤrt, veranlaßt wird, ihm die Vorſtellung des Ueberſinnlichen zu erleich⸗ tern. Mag auch bei einem bildlichen Ausdrucke die gewoͤhnliche Bedeutung durch⸗ klingen, die verſchiedenen Beziehungen, die Nuͤancen des Begriffes werden doch ſtets den Geiſt mehr oder minder beruͤhren. Den abgeleiteten Sprachen dagegen, die, aus verſchiedenartigen Elementen gemiſcht, erſt in ſpaͤtern Zeiten ihre Bildung begonnen haben, fehlt ſehr oft ein ſolches Leben; ſie enthalten viele Worte, die