Aufsatz 
Über die deutsche Sprache, mit besonderer Rücksicht auf das Verhältnis ihres Rhythmusprinzipes zu dem antiken
Entstehung
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feſtation des Menſchengeiſtes und mit dieſem ſelber gegeben*); ſie iſt ebenſo wenig eine Erfindung, als Religion, als Sehen und Hoͤren; denn was ſich uͤberhaupt bei einer ganzen Gattung ausſpricht, iſt nicht das Erdachte eines oder mehrerer Individuen dieſer Gattung. Ihr Urſprung iſt da, wo der Urſprung des Menſchen, wo der Urſprung des Gedankens iſt, naͤmlich in Gott. Laut und Gedanke ſind unzertrennlich verbunden, wie Licht und Farbe, wie Le⸗ ben und Athem. Wie das Denken eine Sehnſucht aus dem Dunkel nach dem Licht, aus der Beſchraͤnkung nach der Unendlichkeit, ſo ſtroͤmt der Laut, ein noth⸗ wendiges Zeugniß des Gedankens, aus der Tiefe der Bruſt nach außen. Der Geiſt rief den Menſchen auf von dem Erdboden, damit ſein Laut von den Lip⸗ pen frei hineile, ein redender Beweis der ſchoͤnſten Gabe Gottes..

Der Bildungsgang, welchen die Sprache bei den Nationen nimmt, findet ſich, wie ſchon oben bemerkt wurde, auf aͤhnliche Weiſe bei dem Kinde. Waͤhrend

bei demſelben die Faͤhigkeit, aus den einzelnen Vorſtellungen Begriffe zu abſtrahi⸗

*) Wie unendlich alles Sprachſtudium durch die Anſicht, daß die Sprache nicht als Product des Denkens, vielmehr als Eins mit demſelben, ſo daß das Daſein des Einen das Daſein des Andern nothwendig fodere, betrachtet wird, gewonnen habe, iſt Niemanden fremd, der den Gang desſelben in den letzten 20 Jahren mit der Behandlungsweiſe der Sprache in fruͤherer Zeit vergleicht. Obgleich ſchon Sanctius in ſeiner Minerva seu de causis 1. 1. commen- tarius. Amstel. 1587 die Bahn gebrochen, oder doch wenigſt in vielen Beziehungen An⸗ deutungen gegeben hatte, die Sprache als eine aus dem Organismus des Menſchen mit Noth⸗ wendigkeit reſultirende Organiſation zu faſſen und zu behandeln: ſo war die Folgezeit den⸗ noch von jenen Keimen zu einer tiefen Sprachanſchauung abgewichen. Hierzu war ſie hauptſaͤchlich durch die grammatiſchen Anſichten des ſonſt ſo ausgezeichneten Perizonius ver⸗ leitet worden. Dieſer nennt in ſeinen Noten zu des Sanctius Minerva die Sprache aus⸗ druͤcklich ein Kunſtproduct des Menſchen, bei welchem nicht ſelten Zufall und Unvernunft, mitgewirkt haͤtten. Erſt in unſerer Zeit hat man jene tiefere Sprachanſchauung allen Sprachforſchungen zu Grunde gelegt und bereits zeigen ſich ſowol in der Bearbeitung des etymologiſchen, als auch des ſyntaktiſchen Theils der Grammatik die ſchoͤnſten Fruͤchte. Fuͤr die Etymologie haben die Forſchungen in allen Zweigen des indogermaniſchen Sprachſtam⸗ mes ungeheure Ausbeute geliefert; fuͤr die Syntar iſt durch die Arbeiten neuerer deutſcher Sprachforſcher Ausgezeichnetes geleiſtet worden. Auch die lateiniſche Grammatik hat da⸗ durch in wiſſenſchaftlicher Beziehung ſehr viel gewonnen; man darf nur, um ſich davon zu uͤberzeugen, die aͤlteren, lateiniſchen Grammatiken z. B. v. Lange, Erneſti, Scheller, Wenck, Broͤder, Uchlein, Zumpt u. a. mit den neuern von Billroth, Aug. Grotefend, Weißenborn, Feldbauſch u. a. vergleichen. Ob aber die Grammatiken der Letztern in Gelehrtenſchulen einzufuͤhren ſeien, iſt eine Frage, die nicht allein nach wiſſenſchaftlichen, ſondern auch, und zwar hauptſaͤchlich, nach paͤdagogiſchen Principien beantwortet werden muß. Es kann wol gar nicht in Frage geſtellt werden, daß jene in wiſſenſchaftlicher Hinſicht auf die richtige Art bearbeitet ſind: dagegen ſcheinen mir die Gruͤnde, welche ſich fuͤr und gegen die Ein⸗ fuͤhrung derſelben in Schulen vorbringen laſſen, noch durchaus nicht in umfaſſender und durchgreifender Weiſe erwogen worden zu ſein, obgleich bereits mehrere Gelehrte, unter an⸗ dern noch vor nicht langer Zeit F. Haaſe in ſeiner Kritik einigen der oben genannten Grammatiken, Mehreres beigebracht haben..