Aufsatz 
Zu Schillers Wallenstein / von Hubert Beckhaus
Entstehung
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29.

Wallenstein und Macheth, beide sind gewaltige Naturen, Kriegshelden, Feldherrn, von Natur edel, wie Schiller in seiner Bearbeitung besonders hervorhebt. beide von brennendem Ehrgeiz. Den einen verlocken die Hexen, der andere findet in den Sternen die Bestätigung seiner Wünsche.

Die eigene Macht und die Schwäche des Herrschers verlockt beide, die Hand nach einer Krone auszustrecken, beide treiben die Verhältnisse und ein ehrgeiziges Weib, beide können nur durch ein Verbrechen zum Ziele kommen. Beide grenzen an den Wahnsinn. In beiden beruht trotz Hexen und Sternen, trotz der treibenden Macht der Verhältnisse und der Uberredung ehrgeiziger Frauen, dennoch in Wahrheit das Stück auf dem Charakter des Helden. Beide Stücke sind Charaktertragödien, in beiden mildern die treibenden Umstände und das Schicksal das Verbrechen. In beiden gilt das Wort: In deiner Brust sind deines Schicksals Sterne.

Schiller(an Goethe am 28. November 1796) sagt:

Das eigentliche Schicksal tbut noch zu wenig und der eigne Fehler des Helden noch zu viel zu seinem Unglück. Mich tröstet aber einigermassen das Beispiel des Macbeth, wo das Schicksal ebenfalls weit weniger Schuld hat als der Mensch, dass er zu Grunde geht.

Nach Beendigung des Wallenstein begiebt sich Schiller bald an die Bearbeitung von Macbeth.

Goethe in seinem AufsatzShakespeare und kein Ende bemerkt mit Hinweis auf die antike Schicksalsidee, dass die alte Tragödie auf einem Sollen beruhe und dass diese dadurch gross und stark werde. Shakespeare verbinde das Alte und Neue; Wollen und Sollen bekämpften sich bei ihm mit Gewalt. Wie Hamlet durch den Geist, so komme Macbeth durch die Hexen und sein Weib, Brutus durch die Freunde in eine Klemme, der sie nicht gewachsen seien. Dadurch dass Shakespeare das Wollen nicht von innen entspringen, sondern durch äussere Veranlassung aufregen lasse, dadurch werde es zu einer Art von Sollen und nähere sich dem Antiken.

So hat auch Schiller im Wallenstein zu dem Sternenglauben, welcher eine ähnliche Rolle spielt wie die Hexen im Macbeth, die Verkettung der Umstände und die Anreizung von Personen hinzugefügt. Sophokles fand den Glauben an das Schicksal und das Orakel vor, Shakespeare lebte in einer Zeit, wo der Hexenglaube besonders lebendig war!), Schiller konnte weder das eine noch das andere gebrauchen, der Sternenglaube war ihm durch die Zeit des dreissigjährigen Krieges an die Hand gegeben, die Wirksamkeit ist aber nicht von gleicher Kraft²). Die Hexen zeigen Macbeth eine Königskrone, Wallenstein erfreut sich an dem Gaukelbild der königlichen Hoffnung. Macbeth erkennt schliesslich desTeufels Doppelsinn und äussert:

Trau niemand mehr den gaukelnden Dämonen, Die uns durch Doppelzüngigkeit betrügen. Auch Wallenstein erkennt es:Verflucht, wer mit dem Teufel spielt! Max warnt Wallensteins): O! fürchte, fürchte diese falschen Mächte! Sie halten nicht Wort! Es sind Lügengeister, Die dich berückend in den Abgrund ziehn.

So täuscht ihn auch die Frage, die er in seinem Wahnglauben an das Schicksal thut, in- betreff Oktavios in verhängnisvoller Weise.

Wallenstein sagt):

¹) vgl. meine Abhandlung über Macbeth. ²) Kern, Lehrstoff für den deutschen Unterricht in Prima, 1886. S. 176 sucht nachzuweisen, dass der König dipus ohne das Orakel nicht minder erschütternd wirken könne. Schiller(an Goethe 2. Oktober 1797) erklärt, das Orakel habe einen Anteil an der Tragödie, der schlechterdings durch nichts anders zu ersetzen sei. Ich denke, Schiller urteilt hier richtiger über die dramatische Wirksamkeit. In der Jungfrau von Orleans und der Braut von Messina hat er Orakel benutzt. ³) W. Tod. II, 2.* W. Tod. Ill 4,