Aufsatz 
Zu Schillers Wallenstein / von Hubert Beckhaus
Entstehung
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Einen andern Weg, um die schlimmen Seiten in Wallensteins Charakter, mit denen wir uns in dieser Abhandlung besonders beschäftigen, aufzudecken, zeigt Wallensteins zweideutiges Benehmen bei Buttlers Bewerbung um den Grafentitel.

Der Schüler muss durch Fragen dahin gebracht werden, dass er die Möglichkeit einer solchen Handlungsweise bei Wallenstein versteht. Der Paunkt ist schon oben besprochen worden. Hier ist besonders zu betonen, dass er alle als seine Werkzeuge betrachtet.

Die Menschen wusst er gleich des Brettspiels Steinen, Nach seinem Zweck zu setzen und zu schieben, sagt Buttler.

Nach dieser Seite ist sein Verhältnis zu seiner Gemahlin, zu Thekla, zu Oktavio u. s. W. Zu besprechen. Buttler ist durch ihn emporgestiegen; wemn Wallenstein König von Böhmen ist, kann er alles ausgleichen.

Für Oktavio ist Wallenstein ein Emporkömmling, Buttler vergleicht ihn mit einem Meteor, das sich aus Böhmen erhub, weit durch den Himmel einen Glanzweg ziehend, und an Böhmens Grenze wieder sinken muss. So vergleicht Max ihn mit einem Vulkan!). Er ist des Glückes aben- teuerlicher Sohn. Seinen Ehrgeiz seit dem Tage von Regensburg vergleicht die Herzogin mit einer Flamme, die verzehrend rast²). Macht und Grösse sind ihm die höchsten Güter. Wenn er nicht wirken kann, so mag er nicht leben. Wenn sein leidenschaftlicher Ehrgeiza), seine Verblendung, sein Wahnglaube an sich selbst, seine UÜberhebung und seine Selbstsucht hervorgetreten sind, so müssen die guten Seiten beleuchtet werden, wie Max sie sieht: seine Herrscherseele, sein königlicher Sinn, seine Freigebigkeit, seine Liebe zu Max, seine Menschenkenntnis, sein Gefühl für die sittlichen Mächte. Er will sich seine Portion nicht erschleichen, er möchte Deutschland und dem Frieden Europas dienen. Sein gewinnendes Aussere betrachte man. Schiller lieh ihm Züge von Männern, die er verehrte, wie

Goethe und Carl August).

C. Ein Punkt, der noch einer besonderen Erörterung bedarf, ist das Schwanken, die Unent-

schlossenheit Wallensteins. Von Jean Paul an bis heute sind darüber viele schiefe Urteile gefällt worden.

Um wenigstens eins zu erwähnen, so beginnt Beyer in seiner deutschen Poetiks) die Charakteri-

stik Wallensteins mit den Worten:Wallenstein, dieser Held des vollkommensten Dramas Schillers,

ist streng genommen zu wenig handelnder General und zu viel peripatetischer, phrasenhafter Philosoph.

Er steht im Gegensatz zu dem groben, starrköpfigen, stierhalsigen, schnurrbärtigen kaiserlichen Ge- neralissimus, wie er uns durch van Dyks Skizze und durch einen alten Stich erhalten ist.)

Ich will diesen Punkt, das Schwanken in Wallenstein vor der entscheidenden That, nur von einer Seite beleuchten!), nämlich durch eine Vergleichung mit Shakespeares Macbeth. Maecbeth ist kürzer, einfacher, eine gute Vorschule für Wallenstein. Auch Schillers Bearbeitung des Macbeth giebt Anlass zu vielseitiger Besprechung. Nichts wirkt anregender als eine fruchtbare Vergleichung. Die Ahnlichkeit zwischen Gräfin Terzky und Lady Macheth und manches andere springt in die Augen. Aber die Ahnlichkeit ist viel tiefer gehend.

¹) W. Tod III. 18. ²) W. Tod. Ill. 3. ³) Uber das Dämonischie vgl. Frick im Wegweiserzu Egmont S. 283 288,zu Wallenstein S. 235. 276. 282. 4) vgl. Scherer a. O.) Bd. II. 2 Aufl. 1887. S. 445. ³⁴) Man vgl. den S. 7 abgedruckten Brief Schillers an Böttiger, dass das Rohe und Ungeheure grade den Wallenstein zum tragischen IIelden ungeeignet mache, und dass Schiller ihm statt dessen den Ideenschwung gegeben habe. ¹) Ich kann mich um so mehr darauf beschränken, als grade beim Abschluss dieser Abhandlung der zweite Band von Bellermanns vorzüglichem WerkeSchillers Dramen erschienen ist, wo auch diese Frage eingehend behandelt ist Man vgl. ferner Klaucke a, O.