Aufsatz 
Zu Schillers Wallenstein / von Hubert Beckhaus
Entstehung
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Wie dringt man am besten in diesen Charakter ein? Der Charakter Wallensteins enthüllt sich erst nach und nach durch sein Verhältnis zu den andern Personen, die leichter verständlich sind. Der Dichter lässt erst sehr spät¹) durch Gordon ein Licht auf seine Jugend fallen, welches den ganzen Charakter beleuchtet. Zunächst hat der Schüler schon aus dem Lager ein Bild des Gewaltigen gewonnen. In den Piccolomini dient besonders der Gegensatz zwischen Max und Oktavio dazu, uns die verschiedenen Charakterseiten Wallensteins vorzuführen. Man vergleiche die Art, wie Schiller in dem Prolog der Jungfrau von Orleans durch den Gegensatz zwischen Johannas Vater und ihrem Be- werber Raimond den Charakter der Jungfrau enthüllt, bis sie selbst ihr Stillschweigen bricht, oder wie der Dichter uns den Charakter von Maria Stuart vorführt durch die Beurteilung ihrer Verehrer Kennedy und Mortimer sowie durch ihre Gegner Paulet und Burleigh.

Das aus dem Lager gewonnene Bild wird ergänzt durch Buttler und Questenberg²), Oktavio und Questenberga), sowie später durch die Verhandlung zwischen Wallenstein und Questenberg*). Hauptsächlich aber dringen wir durch den Gegensatz zwischen Max und Oktavio tiefer in Wallensteins Charakter ein.

Der edle Max, welcher der Jugend so nahe steht, hat sich ein Idealbild von Wallenstein. gemacht. Gegen Oktavio sind die Schüler naturgemäss eingenommen. Der gewaltige Wallenstein wirkt auf sie ein, und die Begeisterung von Max verstärkt diese Wirkung. Man zeige die Lebens- weisheit, die in Oktavios Worten liegt, und seine Besorgunis um Max und erkläre dann die eigentümliche Lage, in der Oktavio sich befindet. Man fragt dann, wer hat Recht, Max oder Oktavio? Oktavio thut seine Pflicht, die ihm der Kaiser vorschreibt, das Herz mag dazn sprechen, was es will. Max folgt seinem Herzen, aber er kommt an einen Punkt, wo er dem eignen Herzen nicht mehr traut. Wie sollte Oktavio handeln, als Wallenstein ihm seine hochverräterischen Pläne mit- teilt, von denen er schon früher wusste? Er hat ihm dringend abgeraten, aber seinen ganzen Abscheu hat er ihm nicht gezeigt. Konnte er das? Wie konnte Wallenstein glauben, in Oktavio ein Werkzeug des Verrats zu haben? Oktavio ist Aristokrat, streng kaiserlich und katholisch gesinnt, die Ehre seines Hauses geht ihm über alles. In Wallenstein sieht er jetzt erst recht den Emporkömmling. Welche Charakterzüge treten an Wallenstein hervor? Sein Sternenglaube ist hervorzuheben, der im tiefsten Grunde aus seinem übermässigen Selbstgefühl entspringt, infolge dessen er alle andern als seine Werkzeuge betrachtet. Auf Gordons Schilderung ist hinzuweisen. Oktavio kennt ihn genau.Wann hätte Friedland unseres Rats bedurft? Er weiss, dass Wallenstein sich von seinem Plan nicht ab- bringen lässt. Kann er Wallenstein seinen vollen Abscheu zeigen? Er hat sich innerlich von ihm gelöst, sobald er Wallensteins Pläne merkte. Als Wallenstein ihm seine Absichten mitteilt, kann er nicht überrascht sein. Er zeigt dem Kaiser alles an. Dieser verlangt schon aus Gründen der Selbst- erhaltung, dass Oktavio bei dem gefährlichen Wallenstein bleibe und ihn beobachte. Ist Wallenstein in Wahrheit Oktavios Freund? Hat er Aufopferungsfähigkeit in sich? Oktavio weiss, durch welche Mittel Wallenstein Isolani und Buttler an sich kettete, die Fälschung beim Bankett setzt er auf Wallensteins Rechnung. Er glaubt auch, dass Wallenstein Max durch Thekla an sich fesseln will. Auch Gräfin Terzky meint dies. Wie er später daran verzweifelt, Max von Wallenstein abziehn zu können, gerät er in die furchtbarste Erregung. Fragt man ferner, ob Oktavio offen gegen Wallenstein hätte auftreten können, so muss dies verneint werden. Wie hätte er den Beweis liefern sollen für das, was er wusste. Sein eigner Sohn würde ihm nicht geglanbt haben. Wallensteins Sehuld erzengt Böses. Das ist der Flnch der bösen That, dass sie fortzeugend Böses muas gebüren.

¹, W. Tod. IV. 2. ²) Picc. I. 2. ³) Picc. I. 3.) Piecc. II. 7.