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Man vergesse auch nicht, dass Freytag für jüngere„Kunstgenossen“ und nicht für die Schule geschrieben hat. Die künstliche Gliederung Wallensteins nach Freytag lasse man bei Seite. Man benutze lieber die lebhafte Darstellung Werders!) über die Einheit des grossen Stücks, verfolge das Aufsteigen der Handlung bis zum Höhepunkt, bis zu den Worten:„Ruft mir den Wrangel!“ und zeige, wie Wallenstein gleich darauf den Rächer ruft:„Schickt nach Oktavio!“ So folgt dem Verrat die Nemesis auf dem Fusse nach.„Er glaubt den goldenen Zirkel schon zu fassen; er fasst sein bös geheimnisvolles Schicksal“.
B. Nach diesen Erörterungen über den Gebrauch von Fricks Wegweiser will ich noch einige Bemerkungen über die Behandlung des„Wallenstein“ auf der obersten Klassenstufe machenz²). Mit Prick verlange ich von der häuslichen Vorbereitung: a) vor Begian der ganzen Be- handlung eine sorgfältige, wiederholte Lektüre des ganzen Dramas; b) die jedesmal erneute Lesung der einzelnen Akte vor ihrer Betrachtung.
Bei der Bedeutung, welche der Sternenglaube im Wallenstein hat, wird der Lobrer auf den Glauben der damaligen Zeit, wie er von Ranke im Anfange seiner Geschichte Wallensteins angedeutet ist, hinweisen müssen*). Dass wir es nicht mit dem antiken Schicksal zu thun haben, hat Fielitz) nachgewiesen. Für Wallenstein gilt das Wort:„In deiner Brust sind deines Schicksals Sterne“. Zum tiefern Verständnis dient es aber, wenn man neben Schillers Braut von Messina und Jungfrau von Orleans auch Sophokles' König Odipus und Shakespeares Macbeth zum Vergleich heranziehn kann. Aus König Odipus vergleichen wir auch die schauerliche Blindheit des klugen Odipus, der einst das berühmte Rätsel lösete, sowie den häufigen Gebrauch der tragischen Ironie. Schiller hat diese ausser- ordentlich wirksam benutzt; ich erinnere nur daran, wie Wallenstein sich auf Buttlers treue Schulter stützt, wie er über Treulosigkeit klagt, der selbst die Treue gebrochen, wie er gedenkt, einen langen Schlaf zu thun, und wie das Stück endet mit den Worten:„Dem Fürsten Piccolomini!“
Aus dem Vergleich mit dem Stücke des Sophokles lernen wir auch, in Bezug auf den Bau des Dramas, was eine tragische Analysis ists). Durch Vergleichung mit den Alten ist der Begrifl Trilogie zu erläutern. Die Hauptsache aber bleibt die Vorführung der Charaktere. Es ist hinzuweisen auf die Gegensätze von Wallenstein und Oktavio, Wallenstein und Buttler, auf die Gegensätze von Vater und Sohn, von Vater und Tochter, von Schwester und Schwester.
Wichtig ist die Benutzung der Begriffe des Idealisten und Realisten, wie sie Schiller am Schlusse seiner Abhandlung über naive und sentimentalische Dichtung gezeichnet hat. In seinem Briefe vom 21. März 1796 an Humboldt sagt Schiller:„Wallenstein ist ein Charakter, der— echt reali- stisch— nur im ganzen, aber nie im einzelnen interessieren kann. Was ich in meinem letzten Aufsatze über den Realismus gesagt, ist von Wallenstein im höchsten Grade wahr. Er hat nichts Edles, er erscheint in keinem einzelnen Lebensakt gross, er hat wenig Würde...“6)
Man vergleiche die Realisten Wallenstein, Gräfin Terzky, Oktavio, Illo in ihrer Verschiedenheit, ebenso die Idealisten Max und Thekla. Man betrachte Oktavio in seinem Verhältnis zum Kaiser, zu Wallenstein, zu Max.
Die Hauptsache und die schwerste Aufgabe bleibt, Wallenstein selbst richtig zu erfassen.
) S. 1- 18. ¹) In den neuen Lehrplünen wird Schillers Tell und die Glocke der Obertertia zugewiesen; sie gehören doch nach Sekunda. ³⁴) Maa vergleiche auch Keplers Leben in der allgem. deutschen Biographie. ¹) a. 0. ⁵) Schillers Brief an Goethe vom 2. Oktober 1797 und Kühnemann a. O. II. 16. ³) Man vergleiche Jul. Schmidt, Schiller und seine Zeitgenossen 1859 S. 313 flgd. Scherers Geschichte der deutschen Litteratur 8. 596 figd. Kühnemann a, O. I. 75 fgd. II. 4 flgd.


