Aufsatz 
Zu Schillers Wallenstein / von Hubert Beckhaus
Entstehung
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25.

Es genügt, wenn der Schüler vor der Erklärung eine allgemeine Kenntnis des dreissigjährigen Krieges hat, wie die Handbücher sie bieten. Erst wenn die Dichtung von den Schülern rein aufge- nommen ist, die Bilder der Personen des Dramas ihnen klar vor Augen stehn, soll zum Schluss hin- gewiesen werden auf denWallenstein in Schillers dreissigjährigem Kriege, wofür Düntzer eine Zusammenstellung bietet. Dann erst ziehe man Ranke und andere neuere Forschungen heran. Auch hier hat Düntzer eine Auswahl. Ist der Lehrer des Deutschen zugleich Geschichtslehrer, so kann er diese Vergleichungen leicht fruchtbar machen. In dem Wegweiser finde ich die fortwährenden Ver- gleichungen mit Ranke ebenso störend wie die grosse Reihe von Geschichtsbildern von Oktavio und Illo bis hinab auf Leslie und Pestalutz. Hat sich denn Schiller bemüht, diesen Personen geschichtlich gerecht zu werden? Schaltet er nicht mit ihnen mit künstlerischer Freiheit? Oktavio in der Geschichte ist 35 Jahre alt und Max nicht sein Sohn; was im Drama von Buttlers Grafentitel erzühlt wird, das be- richtet Schillers Geschichte über IIlo. Man denke auch nur an Schillers Elisabeth in Maria Stuart und wie dem Rudolf von Habsburg der Böhme des perlenden Weins schenkt. Verwundert bin ich auch, wenn Frick zu den Lebensbeschreibungen von Oktavio und Questenberg zum Schluss die Be- merkung macht:):

So wird man die Abneigung des Schülers, die er unwillkürlich gegen Oktavio fasst, auf den geschichtlichen Oktavio als einen durchaus zweideutigen Charakter ableiten können, damit es ihm um so leichter werde, den Oktavio des Dramas gerechter zu würdigen, als er nach seinen vorwiegend stoffartigen Interessen zu thun pflegt.

Es stört ferner, wenn das Motiv des Heldentums im Wallenstein in solchem Masse betont wird.

Das Lager, sagt Frickz²)hat sich verwandelt in einen Heldenkreis von ruhmgekrönten Häuptern; die Wallenstein-Dichtung wird auch ein hohes Lied von Heldentum werden in mannigfachen Tonarten.

So wird das Werden der Heldenjungfrau häufig betrachteta), das Heldentum des Leids, das passive Heldentum Wallensteins, der Heldenvater u. s. w. Wie wichtig auch der Begriff des Helden- tums für die Bildung des Willens ist, man muss gerade für obere Klassen fürchten, dass wenige Lehrer hier mit vollem Nutzen wirken können. Besser betont man mit Boxberger, dass wir das Hohelied von der Treue haben, und vergleicht mit dem Nibelungenliede und erinnert an Schillers Bürgschaft.

Auch nach der Schuld wird in dem Wegweiser zu viel geforscht. So wird Theklas Schuld auch darin gesucht, dass sie sich mit ihrer Liebe der Base Terzky⁴) anvertraut. Die tausend Kürassiere sollen mitschuldig sein), weil sie gegen Wallenstein gemeutert und Max mit Gewalt fortgerissen haben. So wird häufig eine tragische Ironie an Stellen hervorgehoben, wo es gesucht erscheint, während eine so reiche Anzahl von packenden Beispielen sich leicht ergiebt.

Die in dem Drama vorkommenden zehn Schriftstücke werden nicht allein an den einzelnen Stellen besprochen, sondern schliesslich noch zusammengestellt.

Zu viel beschäftigt sich der Wegweiser auch mit dem Hinblick auf die Gliederung und die Verteilung der einzelnen Scenen. Der Schüler soll auch einen Eindruck von der Unerschöpflichkeit, der Motive dieser Dichtung erhalten, wie Frick sagt. Daher sieht er davon abo), das Skelett des ein- heitlichen Aufbaus der Gesamthandlung durch graphische Konstruktionen aufzudecken, wie G. Freitag in derTechnik des Dramas und Unbescheid imBeitrag zur Behandlung der dramatischen Lektüre. Aber Unbescheid warnt in der Schlussbemerkung:) seiner Schrift mit Recht vor dem bedauerlichen Irrtum, etwa zu glauben, dass eine so eingehende Analyse der einzelnen Teilstücke, wie sie die Erör- terungen geben, nun auch bei der Lektüre in der Schule vorgenommen werden müsse.

S. 22l. Anm 2. ¹²) 8. 221. ¹) 247 249, 308, 326, 349.*) 8. 245.*) S. 311.§. 352. Anm. 1. 2. Auf. 1891. 8. 173,