Aufsatz 
Zu Schillers Wallenstein / von Hubert Beckhaus
Entstehung
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1.) Vor Beginn der ganzen Behandlung eine sorgfältige, wiederholte Lektüre des betreffenden ganzen Dramas und 2.) in der Folge die jedesmal erneute Lesung der einzelnen Akte vor ihrer Betrachtung.

Ich stimme durchaus bei, auch darin, dass in diesem Unterrichtsgebiet eine recht eruste geistige Arbeit verlangt werde und nicht einem hohlen Asthetisieren oder leichtem Darüberhingleiten das Wort geredet werde, ebenso darin, dass diese Arbeit in die Lehrstunde zu verlegen sei.

Dann aber wendet sich Frick gegen die Unsitte des Lesens mit verteilten Rollen, wogegen er ein solches Lesen nach abgeschlossener Behandlung, wofern man nur die Zeit dazu finde, nicht nur nicht verwirft, sondern als Abschluss des ästhetischen Genusses für empfehlenswert hält.

Wer jedoch das umfangreiche Material durchmustert, das Frick der Prima bietet, der wird zugeben, dass bei dieser Anschauung über das Lesen für dasselbe sicher keine Zeit bleiben wird. Da bin ich doch anderer Ansicht. Zeit zum Lesen muss unter alleu Umständen bleiben. Auch mit dem Lesen als Abschluss bin ich nicht einverstanden. Nicht grade dem Lesen mit verteilten Rollen will ich das Wort reden; es soll auch nicht alles gelesen werden. Scenen mit vielen Personen und kurzer Wechselrede bespreche man bloss. In der Prima braucht weniger gelesen zu werden als in Sekunda. Aber anderseits je schöner die Sprache eines Dramas ist, desto mehr soll sie mit ihrem Wohlklang auf Gemüt und Phantasie wirken. Von unten auf sollen die Schüler zum stets vollkommneren Lesen angehalten werden, kann man da auf den obersten Stufe ganz aufhören? Soll die herrliche Sprache der Iphigenie, des Tasso, das Beste von Schiller nicht an das Ohr der Schüler tönen?

Aber auch schon deshalb soll laut gelesen werden, damit die deutsche Stunde eine Abwechselung zwischen Lesen und Besprechen biete. Der Lehrer, der seine Sache versteht, hat in der Verbesserung des Lesens auch ein vorzügliches Bildungsmittel. Man soll hier nicht allgemeine Vorschriften geben. Die Klassenstufe, die Sprache des Stücks, die Art der Schüler und des Lehrers sind zu berücksichtigen.

Wenn ich jetzt noch Fricks Wallenstein kurz berühren soll, so finde ich für einen Wegweiser eine zu grosse Fülle des Stoffs. Der Wegweiser soll ja kein Kommentar sein, und in der Beschränkung zeigt sich der Meister.

Wozu hier die Menge von Geschichte, besonders nach Ranke, und diese grosse Reihe von Lebensbeschreibungen aus der allgemeinen deutschen Biographie? Das wird ja grade den jungen Lehrer verwirren. Ist hier der Gesichtspunkt der Konzentration richtig benutzt? Prick äussert sich über diese Zusätze also:

Es dürfen die geschichtlichen Gestalten dem Schüler von vornherein nicht als unlebendige Schemen entgegentreten. Und wenn Schillers Dramen unserm Volke fort und fort einen Teil seiner geschichtlichen Bildung vermitteln, so hat der Unterricht auch schon unter dem Gesichtspunkte der Konzentration desselben die Behandlung dieses historischen Dramas zugleich dazu zu benutzen, um von einer der bedeutsamsten Perioden der neuern deutschen Geschichte dem Schüler ein lebensvolles Bild vorzuführen. Frick betont dann wiederholt), dass Schiller durch eine dichterische Intuition gleichsam vorausnehmend das nach den neuesten Forschungen historisch Richtige gesehn hat. Dass dies dem Schüler durch Vergleichung mit den neuesten Forschungen vom Lehrer gezeigt werde, dagegen lässt sich nichts einwenden. Aber es sollte nicht geschehn, so lange das Stück aus sich noch nicht völlig erfasst ist. Sonst verwirren sich die Bilder in den Köpfen der Schüler, das Gegenteil von Konzentration wird erreicht. Je weniger der Lehrer das(tanze beherrscht, desto mehr ist zu fürchten, dass er den Schülern bei jeder Gelegenheit dergleichen Notizen darbietet.

¹) Wallenstein S. 215. Anm. 2. ²) 8. 191 und 215 Anm. 2 u. a.