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der doch die Persönlichkeit Wallensteins als eine einheitliche und bestimmte dichterisch schaun muss, habe einen so grossen Fehler gemacht und denselben noch dadurch verstärkt, dass Wallenstein in seinem Schmerz über Oktavios Verrat sich auf Buttlers„treue“ Schulter stützt. Von den vielen abfälligen Urteilen oder falschen Erklärungen führe ich nur einige an.
Düntzer meint auch in der neuesten Auflage!), Schiller habe sich zu dieser hier so mächtig wirkenden Erfindung unglücklich hinreissen lassen, obgleich sie zu Wallensteins Charakter nicht passe. Khnliche Urteile finden sich häufig.
Viel stärker drückt sich Funkez) aus:
„Solch eine Niederträchtigkeit müsste uns den Wallenstein geradezu widerwärtig machen, widerspricht auch dem stolzen Vertraun, das Wallenstein sonst in die Beurteilung der Menschen setzt und in die Treue derer, die er sich durch seine Wohlthaten verpflichtet hatte. Solche Mittel brauchte Wallenstein nicht anzuwenden und hat es nicht gethan“.
Fielitz) findet in dem Betrug einen recht klaren Beweis, wie dem Dichter nicht von vorn herein der Charakter seines Helden als eine klar geschaute Einheit vorschwebte, sondern wie er die Zeichnung desselben dem Bedürfnis der Handlung, ja hier sogar dem Bedürfnis des Augenblicks untergeordnet habe. Wallensteins Schwanken sei die Folge des Plans, der den Helden zum Gegenstand des Streits zwischen Gut und Böse machen wollte. Fielitz, der so manches Gute gebracht hat, ist zu diesem Urteil verführt durch seine falsche Anschauung über den Charakter von Wallenstein und die Bedeutung von Max, die er zum Gegenstand einer eingehenden Untersuchung machte“), welche auch wohl Scherer) zu dem Satze verführte:„Wallenstein hat einen bösen Genius in seiner Schwägerin, der Gräfin Terzky, und einen guten in dem jungen Max Piccolomini zur Seite. Um wenige Minuten kommt die Schwägerin dem warnenden Freunde zuvor; und diese wenigen Minuten entscheiden sein Schicksal“. Diese Ansicht von Fielitz und Scherer ist unrichtig, ich verweise der Kürze halber auf die Darstellung von Wallensteins Charakter bei Werder, auf Düntzeré) und Kühnemann“).
Schliesslich führe ich noch eine merkwürdige Erklärung von Beyers) an:„Früher hat er Buttler durchschaut und gegen Erteilung des Grafentitels gesprochen“ und*)„Wallenstein vereitelt seine Er- hebung in den Grafenstand, weil er Buttler genau kennt“.
Hier liegt wieder die UÜberschätzung von Wallensteins Charakter zu Grunde.
Ohne auf die ausführlichen Darlegungen Werders, auf welche ich verweisen muss, näher einzugehn, versuche ich einige Punkte hervorzuheben, welche geeignet sind, die Darstellung Werders zu unterstützen.
Dieses masslose Selbstbewusstsein Wallensteins, der, wie wir vorhin bei Oktavio gesehn, alle andern als seine Werkzeuge betrachtet, dieser Wahnglaube an sich selbst und diese kolossale Uber- hebung,„dieser phantastische Geist, der nach der einen Seite an den Wahnsinn und das Verbrechen grenzt“, um ein Wort von Goethe ¹⁰) zu gebrauchen,— das sind die Grundzüge seines Charakters. Wie ist es sonst denkbar, dass er bei seiner Menschenkenntnis auch nur einen Augenblick meinen kann, ein Mann wie Oktavio würde gegen den Kaiser auftreten. Diese Zumutung an Oktavio ist das stärkste Zeichen der Verblendung. fr kennt nun ein Mittel, um Buttler vom Kaiser loszureissen, und er zaudert nicht. Buttler, dieser niedere Mann, der durch ihn so hochgestiegen und noch höher steigen kann, ist sein Werk und sein Werkzeug; wenn er einmal König von Böhmen ist, so wirds
y 1890 S. 195 und 297. ²) a. 0.§. 197. Anm.) a. 0. 110.) a. 0. S§. 22 flgd.*) Geschichte der deutschen Litteratur 1883. S. 593. ⁶) S. 204 flgd.* Kühnemann, die Kantischen Studien Schillers und die Komposition des Wallenstein. II S. 28. ⁴) Beyer, deutsche Poetik. Bd. II. 1887, S. 446, ⁹) ebend. S. 449, ¹⁰) a. 0, Berlcht an d. allgem. Zeitung.


