Aufsatz 
Zu Schillers Wallenstein / von Hubert Beckhaus
Entstehung
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Oktavio muss niedrige Mittel gebrauchen, er muss Wallenstein mit Horchern umgeben¹). Er erklärt in sophistischer Weise, dass er zwar sein wahres Herz vor Wallenstein verbirgt, ein falsches ihm aber nicht geheuchelt habe²). Daher trifft ihn das scharfe Wort von Max:

Ich soll dich heut nicht fassen, nicht verstehn. Der Fürst, sagst du, entdeckte redlich dir sein Her⸗z Zu einem bösen Zwecke, und du willst ihn Zu einem guten Zweck betrogen haben.

Der Dichter lässt Oktavio absichtlich, um ihn nicht zu gut erscheinen zu lassen, den Ehrgeiz haben, für sein Haus die fürstliche Würde zu erringen. Das ganze Gedicht schliesst mit den Worten: dem Fürsten Piccolomini! Aber sein Haus ist verödet, Max, für den er gesorgt, ist tot.

Am meisten aber drückt das widrige Gefühl, dass Wallenstein ganz arglos ist und dass Oktavio dies benutzt. So wenig daher Wallenstein nach seinem Handeln sich über Treulosigkeit zu beklagen hätte, so macht doch sein empörtes Gefühl über Oktavios Verrat einen starken Eindruck auf uns:Es trinkt der Wilde selbst nicht mit dem Opfer,

Dem er das Schwert will in den Busen stossen. Das war kein Heldenstück, Oktavio!*)

Und so erklärt auch Max, der mit seinem reinen Herzen und seinem idealen Sinne vom Dichter bestimmt ist, das moralische Urteil auszusprechen, nachdem er Wallensteins Verrat scharf verurteilt hat, auf Wallensteins heftigen Ausfall gegen Oktavio:

Ich will den Vater nicht verteidigen. Weh mir, dass ich's nicht kann!*)

Oktavios Hinterlist tritt aber in diesem Drama, welches in so ungewöhnlicher Weise die Treue

verherrlicht, um so greller hervor. Die Treue, sag ich euch, Ist jedem Menschen wie der nächste Blutsfreund; Als ihren Rächer fühlt er sich geboren...5)

In solchem Sinne sagt Goethe in dem Bericht an die allgemeine Zeitung:

Der Dichter hatte zwei Gegenstände darzustellen, die miteinander in Streit erscheinen, den phantastischen Geist, der von der einen Seite an das Grosse und Ideale, von der andern an den Wahnsinn und das Verbrechen grenzt, und das gemeine, wirkliche Leben, welches von der einen Seite sich an das Sittliche und Verständige anschliesst, von der andern dem Kleinen, dem Niedrigen und Verächtlichen sich nähert.

In der Würdigung Oktavios nach seiner guten Seite hat Werder schon in Hieckes) einen Vorgänger, dagegen finde ich bei ihm zum ersten Mal eine richtige Darlegung von Wallensteins Betrug an Buttler, als dieser um den Grafentitel nachsucht.)

Der Punkt ist wichtig und kann wieder zeigen, wie man sich hüten soll, Schiller lieber zu meistern, als sich in seine Meisterwerke zu versenken. Denn recht viele abfällige Urteile liest mau über diese Erfindung Schillers. Dabei spielt Buttler eine so bedeutende Rolle im Stück, und der Umschlag bei ihm ist so stark und so dramatisch wirksam, dass man nicht annehmen kann, Schiller,

4) Piec. 1. 3.*) Eicc. I. 3. ²) W. Tod. III. 9.» W. Tod. III. 18.*) W. Jog, 1. 6. ) Gesammelte Aufsätze von Hiecke, herausgegeben von Wendt. 2. Aufl. Berlin. 1885. S. 289 296. ²) In Schillers dreissigjährigem Kriege wird es von llo berichtet. Klaucke, deutsche Aufsätze und Dispositionen. Berlin 1881. S. 140 fasst Wallensteins Betrug auch richtig auf.