— 814—
macht Oktavio zu seinem Gegner und giebt ihm die Möglichkeit, die schwankenden Führer zu gewinnen, der Verrat am Kaiser treibt Wallenstein zu dem Betruge an Buttler, wodureh er diesen zu seinem bittersten Feinde und Mörder macht.
Oktavio wartet mit dem letzten Schritt, bis Waällenstein eine That Pethan die unwidersprechlich den Hochverrat bezeugt, und fühlt sich als Vollstrecker der Nemesis:
„Mit leisen Schritten“, sagt Oktavio,„schlich er seinen bösen Weg; So leis' und schlau ist ihm die Rache nachgeschlichen.
Schon steht sie ungesehen, finster hinter ihm,
Ein Schritt nur noch, und schaudernd rähret er sie an).“
Und in gleichem Sinne spricht Buttler:
„Du hast die alten Fahnen abgeschworen,
. Verblendeter, und traust dem alten Glück! Den Krieg zu tragen in des Kaisers Länder, Den heil'gen Herd der Laren umzustürzen, Bewaffnest du die frevelhafte Hand. Nimm dich in acht,— dich treibt der böse Geist Der Rache— dass dich Rache nicht verderbe*²)“.
Der Verrat am Kaiser, das ist das Verbrechen, was Wallenstein stürzt, das ist auch der Punkt, um den sich vornehmlich die vielen neuen Untersuchungen über Wallenstein drehn; man forscht, ob Wallenstein ein Verräter war oder nicht. Es ist nicht nötig, nach etwas Tieferem zu suchen.
Schiller schreibt am 28. November 1797 an Goethe:
„Ich las in diesen Tagen die Shakespearischen Stücke, die den Krieg der zwei Rosen ab- handeln und bin nun nach Beendigung Richards III. mit einem wahren Staunen erfüllt. Es ist dieses letzte Stück eine der erhabensten Tragödien, die ich kenne... Die grossen Schicksale, angesponnen in den vorhergehenden Stäücken, sind darin auf eine wahrhaft grosse Weise geendigt, und nach der er- habensten Idee stellen sie sich nebeueinander... Eine hohe Nemesis wandelt durch das Stück, in allen Gestalten, man kommt nicht aus dieser Empfindung heraus von Anfang bis zu Ende“.
Tieck in den dramaturgischen Blättern*) wänscht, Schiller hätte den dreissigjährigen Krieg in verschiedenen historischen Stücken dargestellt, wie Shakespeare die Bürgerkriege behandelte. Hätte Schiller das versucht, so hätte er dem gerecht werden können, was Werder in Schillers Wallenstein
tinden will. Aber Sehiller hat ein grosses Stück geschaffen und als den Mittelpunkt den Verrat am Kaiser hingestellt).
B. Werder irrt sich jedoch nicht allein in dieser Frage und in der Beurteilung von Wallensteins Heer, auch das Verhältnis von Walleustein zum Kaiser wird nicht richtig getasst. Es ist durchaus gegen den Geist des Stücks, dass der Kaiser in allem zum Hauptschuldigen gemacht wird. Und hier kommen wir zu dem ersten Teile von Werders Beweisführung. lck hebe noch einmal die stärksten Beschuldigungen Werders hervor.„Der Kaiser“, sagt Werder,„ist der Hauptschuldige,
¹] Picc. V. 1. 2) w. 1od. IV. 1. ³) Breslau 1826. S. 58.*) vgl. noch Kühnemann, die Kan- tischen Studien Schillers und die Komposition des Wallenstein. Marburg. 1889. 11. S. 83:„Ja— so sehr ist der rein ethische Charakter des Werkes ausgeprägt, dass der historische Kouflikt ganz in einen absolut sittlichen anfgeldst wird. Das legitime Recht des Hauses Ostreich erscheint nicht als eiue gésetzlich begründete historische
Macht, der Kampf Wallensteins gegen dieses Recht nicht als ein historisch trevelhafter, 8oudern der Verlat wird durch Max als ein sittliches Verbrechen verdammt.


